Jenseits von Eden

(1. Mose 2, 4b-15)

Es war zu der Zeit,/ es war einmal,/ vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. So fangen sie an, diese ganz besonderen Geschichten. Märchenhaftes aus längst vergangenen Zeiten, in denen alles ganz anders war.

Manchmal: Schauderhaft anders. Böse Zauberer oder Hexen beherrschten ganze Landstriche, Drachen brachten Tod und Verderben, Ungeheuer regierten Meere und Wälder und forderten Menschenopfer.

Meistens aber waren die alten Zeiten die GUTEN alten Zeiten. Zeiten, in denen die Menschen noch wussten, was gut und was böse war. In denen zumindest am Ende/ das Gute siegte und die Liebenden sich in den Armen liegen konnten: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.

Auch zu Beginn unserer Bibel ist Ähnliches zu finden, ich lese aus dem 1. Mosebuch Kapitel 2 ab Vers 4b in der Lutherübersetzung:

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.
5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;
6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen,…
10 Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.
11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;
12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.
13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.
14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.
15 Und Gott der HERR nahm den Menschen/ und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Es war zu der Zeit: Eine Zeit, in der es noch nicht einmal ein „Es war einmal“ gab. Eine Zeit ohne Grün und Blau, ohne Mensch und Tier. Nichts war so, wie wir es heute sehen.

Zwei solcher Geschichten stehen am Anfang unserer Bibel.
Die erste sieht auf das Ganze wie durch ein Weitwinkelobjektiv. Im Zeitraffer von sieben Tagen trennen sich Dunkel und Hell, Festland und Meer, und mitten im Universum entsteht diese Welt, so wie wir sie heute lieben.

Unsere zweite Geschichte wechselt das Objektiv. Heute müsste man nur ganz nah heran zoomen. Einzelheiten erscheinen vor dem Auge, Kleinigkeiten, die man sonst übersehen hätte. Der Blick wird umgelenkt von der Weite des Universums auf einen Ort, an dem ein wunderschöner Garten entsteht. Doch eines nach dem anderen.

Zuerst: Der Blick auf die Zeit, VOR der Gott alles werden ließ. WAS man sehen kann, bleibt undeutlich. Aber man weiß, was man NICHT sehen kann: Kein Baum und kein Strauch, kein Regen, „und kein Mensch war da, der das Land bebaute“.

Das, was ist, ist kein Nichts. Es hat Potential. Spannung liegt auf den Polen, alles wartet auf etwas, das einschlägt wie ein Blitz. Etwas, was das Dunkel erhellt. Die ganze Erde wartet, dass etwas geschieht.

Dann kommt der Nebel. Er kommt aus der Erde heraus und macht alles feucht und klamm. Sand und Staub legen sich. Werden gebunden. Jedes Kind weiß doch, dass man mit trockenem Zuckersand nie und nimmer einen ordentlichen Kuchen aus der Sandkastenform herausbekommt. Da muss Wasser her. Gott weiß das erst recht.

Er nebelt sich so sein Material zurecht. Denn er hat Großes vor: Er will etwas schaffen, was sich von allem anderen in diesem Potential unterscheidet. Etwas neues, was diese Welt noch nicht kennt. Das, worauf sie wartet. Die ganze Erde harrt des Erdlings. Der wird jetzt kommen.

Der Anfang von Vers 7 klingt dann ungefähr so:
WA JITZÄR JHWH ELOHIM ÄT HA ADAM/ AFAR MIN HA ADAMA

WA JITZÄR JHWH ELOHIM ÄT HA ADAM: Es töpferte Jachwe Elohim den Erdling
AFAR MIN HA ADAMA: Aus dem feinen Staub der Erde
ADAM der Erdling/ HA ADAMA die Erde

Das Hebräische lässt es heute noch hören: Erde und Erdling kommen aus derselben Werkstatt,/ keiner kann sein ohne das andere./ Diese Erde wäre nichts ohne den Erdling,/ der Erdling wäre nicht ohne die Erde.

Gott nahm keinen groben Kies, erst recht keine Steine. Sein Erdling sollte etwas Besonderes werden. Feinen Staub benutzt Jachwe Elohim, nicht einfach Lehm, wie mancher denkt.

„Staub“ steht dabei sicher für Vergänglichkeit und Hinfälligkeit, aber auch für filigrane Eleganz, für feinste Formen. Denkt allein an Hammer, Amboss und Steigbügel im Ohr. So wunderbar, dass man damit sogar hören kann. Oder an die Lachfältchen in den Augenwinkeln. Wunderschön. Das geht nicht aus Kies.

„…und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“. „Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ (übersetzt Luther), „Und es ward der Mensch zu einem Leben-Atmenden“ (überträgt Zunz), „Und der Mensch wurde zum lebenden Wesen“ (Martin Buber), „Und so wurde der Mensch zu einem lebendigen Selbst“ (Seebass). Der Erdling – das Weltwunder über den Erkenntnissen der Theologie, der Medizin, der Psychologie. Er lebt- bis heute.

JHWH ELOHIM will sein Geschöpf erfreuen. Darum pflanzt er ihm einen wunderschönen Garten Richtung Osten an. Denn von dort kommen Licht und Leben. Dabei ist der Garten Eden nicht gleichzusetzen mit dem überweltlichen Paradies. Wohl aber herrschen in ihm paradiesische Zustände. Ein Garten, wie ihn sonst nur Könige hatten: Das wird der Lebensraum für den neuen ADAM.

Allerlei Bäume wachsen, „verlockend anzusehen und gut zu essen“. Nicht nur im Garten Eden: Sie wachsen „aus der Erde“. Sie sind und bleiben für die Menschheit überall erreichbar. Auch für uns, die wir nicht im Garten Eden leben.

Nach dem Garten teilt sich der Bewässerungsstrom in vier Flüsse – für jede Himmelsrichtung dieser Welt einen. Euphrat und Tigris kennt unsere Zeit. Bei dem „Gichon“ könnte es sich um einen Teil des Nils handeln, ganz sicher aber ist das nicht.

Niemand heute weiß aber, wo der Pischon fließt. Aber er fließt durch ein Land, das damals schon Gold, Edelharze und Edelsteine kennt. Das spricht für eine Kultur, die Ihresgleichen sucht. Kultur, Wasser, Pflanzen, Tiere – mehr braucht die Welt Gottes nicht, um reich zu sein.

Unsere Erzählung schließt: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Wie ein spielendes Kind heute eine Spielzeugfigur dahin setzt, wo es sie haben will, setzt Gott seinen Adam in den Garten

Und doch versteckt sich hier eine Überraschung, eine völlig andere Weltanschauung wie die sonst im Land zwischen Euphrat und Tigris. Dort waren die Menschen dazu gedacht, den „Tragkorb der Götter“ zu tragen, ihnen also die schwere Arbeit abzunehmen.

Hier ist es ganz anders: Der Mensch muss sich hier wie ein König fühlen, denn Gott selbst hat den Garten geplant und angelegt.

Allerdings ist es wie in jedem Garten auf dieser Welt: Er ist nicht das Schlaraffenland. Der Gärtner erhält einen Kulturauftrag. Er soll den Garten pflegen, so dass auch seine Kinder und Kindeskinder ihn betreten und genießen können.

So muss der Gärtner das Gleichgewicht finden zwischen Pflanzen und Herausreißen, die Balance im Garten entdecken und erhalten. Bearbeiten und Bewahren. Arbeiten und behüten. Beispielhaft für alles auf dieser Erde. Eine Lebensaufgabe. Sinn für alles Menschen- Leben.

Manchem, meine Schwestern und Brüder,

mag jetzt die Floskel einfallen: Früher war alles besser. Denn natürlich gilt, was für die sieben Zeitraffertage gilt, auch für den Garten Eden: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und sieh, es war sehr gut.“ Was aber ist vom Garten Eden heute übriggeblieben?

Wir wissen nicht, wie lange es gut ging mit Adam und Eva in diesem paradiesischen Garten. Monate, Jahre, Jahrzehnte? Sicher ist: Irgendwann ging es schief, das kann man auch in der Bibel lesen.

Denn der Mensch war schon immer hin- und hergerissen. Nicht einfach Erde, aber auch nicht Gott. Zu klug, um einfach nur zu wachsen, aber eben auch zu klein, um Gottes Arbeit zu machen. Schon in Eden war das nicht anders. Irgendwann musste er gehen, und ein Cherub versperrte ihm den Rückweg.

Überall und immer/ versucht der Mensch seither, über sich hinauszuwachsen, selbst Herr des Lebens zu werden, und scheitert. Vergeht sich an anderen Menschen, vergeht sich an sich selbst, macht aus Gärten Minenfelder, verdammt sich zum Erfolg.

Überall und immer/ versucht er, die Fragen des Lebens zu beantworten und scheitert. Weil er das Gottes-System Leben einfach nicht entschlüsseln kann. Er will Krankheiten nicht nur heilen, sondern würde sie am liebsten abschaffen, den Tod gleich mit. Vor allem, wenn Krankheit oder Tod ihn selbst bedrohen – Ebola ist ja weit weg in Afrika. Seinem Leben mehr als eine Spanne zuzugeben- da bleibt er dran.

Und wenn er scheitert/ an Größenwahn oder auch nur an den kleinen Zielen, die er sich selbst setzt, wenn er die Mathearbeit verhaut oder durch die praktische Fahrprüfung fällt: Dann fühlt er sich oft, als wenn die Welt unterginge, er von allen guten Geistern verlassen, verraten und verkauft wäre.

So wird das Leben oft/ nicht nur nicht länger, sondern vor allem leerer. Ohne Blick für das Schöne, und er fragt: Wo liegt der Sinn meiner Zeit?

Wer aber auf die Geschichte von Eden sieht, wird erkennen, was Gott uns VOR jeder Leistung, die wir selbst bringen können,/ einfach geschenkt hat. Denn selbst AUßERHALB des Gartens hat der Mensch doch alles, was er zum Leben braucht: Wasser, Pflanzen, Tiere, seinen Mitmenschen. Selbst außerhalb des Gartens hat er viel mehr als das: Er hat Gold, Edelsteine und Zeit mit Gott.

Gott verstellt uns nicht den Blick auf Eden. Begleitet jeden unserer Tage. Lässt jeden Menschen neu lernen, seine Lebensbalance zu begreifen und zu bewahren. Wie er ein guter Gärtner werden kann für seine Ziele, seine Beziehungen, seine Zeit.

„Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis…“ Seit es Weihnacht wurde und wir Christus kennen dürfen, ist uns nicht nur der Garten Eden, sondern auch das Paradies nicht mehr verschlossen. Weil wir die Liebe Gottes neu entdecken, die seit Eden eigentlich nicht zu übersehen war.

Gott sorgt für uns, denn er liebt uns, schon immer. Er lässt uns Frieden finden, für immer. Den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft. Er bewahrt unsere Leiber und Seelen in Jesus Christus. Amen.

Nächster Termin: 5. Oktober 2014, 10 Uhr Ritterstraße 94, 14770 Brandenburg und 15 Uhr in der Dorfkirche zu 16766 Hohenbruch

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