Große Worte (Eph 2, 4-10)

Hochmut
das weißt jede und jeder
kommt davor
vor dem Fall

wer nicht fallen will
braucht keinen Hochmut
wohl aber großen Mut
zum Gehen, zum Stolpern,
zum Aufstehen, zum Siegen

Mut zum Dienen
Lebensmut
mehr als man selbst aufbringen kann
Gottes Geschenk
Gnade

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b
***
Ist es bei Euch auch so? Für mich gibt es Wörter und Worte.

Wörter, das sind die, die mir in das eine Ohr hineingehen und aus dem anderen wieder heraus. Ein paar von ihnen bleiben hängen, geben irgendwelche Informationen an mich ab und ich denke dann: Ach, so ist das also. Die nächsten Nachrichten dann um 19 Uhr, wenn ich mit dem Wegräumen in der Johannis-Kirche und zuhause fertig bin – dann gibt’s wieder neue Wörter.

Worte haben es bei mir schwerer und doch leichter.
Sie gehen nicht einfach so DURCH meinen Kopf, sie werden aufgehalten, bewegt, analysiert. Oft muss oder will ich sie mehrfach hören, vielleicht werden sie von Musik leichter in mich hineingetragen oder durch ein Bild. Solche Worte transportieren mehr als sich selbst. Bewegen etwas in mir. Geben mir eine Sicherheit, dass da MEHR ist. Werden große Worte. Solche Worte behalte ich in mir.

Große Worte setzen Sehnsucht nach Religion in mir frei. „Religio“ bedeutet ja nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als „Rückbindung“. Diese Rückbindung ist wichtig für meine Lebenssicherheit. Auch wenn das Leben wie ein Schiff ist, auch wenn ein Schiff für die Fahrt ohne Kette gebaut ist:  Ohne immer wieder im Hafen festzumachen wird es untergehen. Der Hafen ist seine Lebensversicherung.

Meine „Religio“, meine Rückbindung ist mein Hafen, meine wirkliche Lebensversicherung, die ich mit keinem Geld der Welt erkaufen könnte. Das, woran ich mich „rückbinde“, ist mein Lebensglaube. Mein Glaube wird ein Bekenntnis zu meinem Lebensziel. Zu dem Gott, für den ich leben will.

Worte, die Religionssehnsucht wachrufen, gehen mir nie durch das eine Ohr hinein und aus dem anderen wieder heraus. Sie verweilen und wirken. Sie sind „mehr als dies, mehr als jetzt und mehr als hier“ – wir hören Herrn Heinz Rudolf Kunze mit seinem Lied zum Kirchentag in Hannover 2005. Ihr könnt den Text auf der anderen Seite eures Psalmblatts mitlesen.

Wenn dein Kind dich morgen fragt/ wozu sind wir auf der Welt/ wenn es anfängt sich zu wundern/ wenn es wissen will was zählt/ Seine Augen sind so groß/ wie ein weites Menschenmeer/ dann bleib nicht die Antwort schuldig/ fällt sie dir auch manchmal schwer/ Was man ganz tief drinnen spürt/ das kommt nicht von ungefähr/ glaub mir denn es existiert

Mehr als dies/ mehr als jetzt und mehr als hier
mehr als dies/ und mehr als wir
Mehr als dies/ mehr als jetzt und mehr als hier
mehr als dies/ und mehr als wir

Wenn dein Kind dich morgen fragt/ morgen Nacht in deinem Traum/ warum hast du dir vorgenommen/ niemals Kinder zu bekommen/ Glaubst du, dass du alles bist/ gib mir Leben gib mir Raum/ nichts muss bleiben wie es ist/  Hör was dir die Zukunft sagt

In uns scheint ein Licht                                 Ist es das ist es das was wir glauben dürfen
das verliern wir nicht                                     ist das wie ist das wie  wie wir handeln können
weil es jemand gibt                                         ist das so ist das so
der uns immer liebt                                        wie wir leben sollen
der fast alles vergibt

Worte: Sie sind „mehr als dies, mehr als jetzt und mehr als hier“.

Solche großen Worte habe ich vorhin auch im Bekenntnis aus den Niederlanden gehört, vor allem in seinem strahlenden Schluss:
„Er, unser König, der ÜBER uns, BEI uns und IN uns
thront, wohnt und wirkt, um sein Reich aufzurichten,
ER ist unser einziger Trost im Leben und im Sterben,
ER ist die Freude unserer Gegenwart und die Hoffnung unserer Zukunft.“

Wunderbare Bilder, wunderbare Worte: Sie sind für mich voller himmlischem Glanz.

Weil ich natürlich weiß, dass nicht jedes Wort bei jeder und jedem gleich gut ankommt (Heinz Rudolf Kunze ist nicht jederfraus Ding), auch noch das Wort unseres Predigttextes aus dem Brief an die Epheser Kapitel 2 ab Vers 4.
Ja, auch aller guten Worte sind öfter eben drei:

Gott, der reich ist an Barmherzigkeit,
hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
auch uns, die wir tot waren in den Sünden,
mit Christus lebendig gemacht.
Aus Gnade seid ihr selig geworden!
Er hat uns mit auferweckt
und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
damit er in den kommenden Zeiten
erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade
durch seine Güte gegen uns …

„Glaubst Du, dass du alles bist?“ Die Rückbindung erkennt: Mein Leben, das ist mehr als ich. Die Vergangenheit formt mich, die Zukunft auch. Das weiß Religion. Das wissen alle, die zu irgendwie zu denken vermögen. Alle Menschen sind also und in diesem Sinne religiös.

Denn niemand bestreitet, dass seine Wurzeln wesentlich mit dazu beitragen, dass man der ist, der man ist. Familie, Heimat, Fremde: Nur wer seine Wurzel kennt, weiß was das ist.

Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Und doch bestimmt das Nachdenken über die Zukunft das Tun der Menschen. Wenn ich jetzt frage: Habt ihr schon euren Weihnachtsbaum? würde keiner sagen: Weihnachtsbaum, was ist das? sondern: Wir haben Sommer, das hat noch Zeit. Wer dagegen seinen Urlaub über den Jahreswechsel in der Karibik plant, der muss schon jetzt an Weihnachten denken, weil er sonst keinen Flug mehr bekommen wird.

Also hat nicht nur Vergangenheit, sondern auch Zukunft Auswirkung auf die Rückbindung jedes Einzelnen. Die PERSÖNLICHE Rückbindung aber, DEINE Glaubensentscheidung, DEIN Bekenntnis hängt ab von Deiner Vergangenheit und Deiner Zukunft.

MEINE Vergangenheit – und wahrscheinlich auch Eure – bringt das große Wort des Predigttextes auf den Punkt: Gott hat mir die Taufe geschenkt. Darum weiß ich:

Durch Christus bin ich Gott nicht mehr zu nehmen. Über den Sund alter, neuer und künftiger Schuld bin ich von Gott selbst hinübergetragen in sein Reich. Jetzt und immer.
Wie Christus hat er mich auferweckt zu neuem Leben, mein altes liegt hinter mir, und in meinem neuen ist Leistung ist kein Maßstab. Gottes Güte ist einzig Maßstab.

Meine Zukunft: Begnadigt und begnadet bin ich, weil Gott das so für mich will. „Mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus“. Er ist „Freude meiner Gegenwart und Hoffnung meiner Zukunft“. Denn ich bin getauft.

Darum höre ich das große Wort des Predigttextes gern und voller Dankbarkeit. Es holt meine Vergangenheit und meine Zukunft in mein Dies, Jetzt und Hier.

Meine persönliche (nur in diese Sinne „private“!) Rückversicherung, meine Rückbindung ist die einzige echte Sicherheit meines Lebens. Mein Himmelreich in einem großen Wort. Und ich weiß, dass es nicht nur MEIN Himmelreich ist. ALLE Christen, überall auf der Welt, finden ihr Himmelreich in diesem großen Wort.

Nun haben es große Worte ja nie leicht. Die, die sie aussprechen, werden an ihren Taten gemessen und die Worte anschließend dann ihrer Größe beraubt. Als wenn Worte etwas für die könnten, die sie aussprechen (müssen).

Als der Bundeskanzler der Wende für den Osten der neuen Bundes- Republik „blühende Landschaften“ kommen sah, war das Echo auf seine Prophezeiung geteilt und blieb es bis heute. Nicht nur, weil es immer Gärten gibt, in denen die Blumen schöner blühen als in meinem. Wohl auch, weil Landschaftspflege mehr bedeutet, als sich Blüten anzusehen. Und weil mancher die Gabe hat, sein Hauptaugenmerk vor allem auf die Pflanzen zu richten, die für ihn Unkraut sind.

Ähnlich das „Yes, we can“ des scheidenden amerikanischen Präsidenten. Oder das „Wir schaffen das“ unserer jetzigen Kanzlerin. Man zählt Herrn Obama all das auf, was er in seiner Amtszeit alles nicht „gekonnt“ hat. Er konnte Guantanamo nicht schließen, er konnte die Waffengesetze nicht verschärfen, er konnte seine Soldaten nicht aus Afghanistan abziehen, und die Liste ist beliebig zu verlängern.

Und Frau Merkel konnte die EU Partner nicht überreden, die Geflüchteten nach einem fairen Schlüssel auf alle zu verteilen, sie konnte die CSU nicht überzeugen, das offene Herzen auch offene Grenzen bedeuten müssen, sie konnte die Mehrheit der Deutschen immer noch nicht überzeugen, dass sie mit dieser Außen- und Flüchtlingspolititk auf einem so guten politischen Weg ist, dass sich alle hier wohl fühlen können- eigentlich.

Sind große Worte so zu messen? Sind sie wirklich Versprechen, die bis zu einem Stichtag eingelöst sein müssen – einem Stichtag natürlich, den der Hörer so festlegt, wie es ihm beliebt? Oder haben große Worte nicht viel mehr IHREN WERT IN SICH?

Was wäre das denn für eine Welt, wenn nicht nur die Würde der Menschen tagtäglich neu geschändet wurde und wird – OHNE das Wort von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen (Grundgesetz)? Was wäre das für ein Leben, wenn es stimmen würde, dass die nackte Realität alles sei ist, was es ausmacht?

Leben ist „mehr als dies, mehr als jetzt und mehr als hier“. Heinz Rudolf Kunze stellt in seinem Lied die wichtigsten, ja vielleicht alle Fragen einer Rückbindung des Menschseins. Ohne dass er sein persönliches Bekenntnis, seine „private“ Antwort auszuspricht, spürt man jedem Ton, jeder Zeile ab: Er HAT seine Antwort. Er HAT sein Bekenntnis. Weiß, was für ihn wirklich zählt. Kennt seine Rückbindung. Seine Vision zum Leben.

Ohne große Worte keine Vision. Und wer keine Vision hat, macht und schätzt auch keine großen Worte. Niemand ist zu beneiden, der keine großen Worte kennt und schätzt.

Das große Wort unseres Predigttextes bringt nicht nur unsere Vergangenheit und unsere Zukunft in unser „Dies, Jetzt und Hier“. Es wird auch Gegenwart. Das beschreiben die nächsten drei Verse (8-10):

Denn aus Gnade seid ihr selig geworden
durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
Nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
Denn WIR sind sein Werk,
geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken,
die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Weil wir wissen, wo wir herkommen und wo wir hingehen, wissen wir auch, was wir zu tun haben.

Unser Leben nämlich ist ein Teil des Reiches Gottes, in dem wir alle Kraft daran setzen zu tun, was unsere Bürgerpflicht ist. Und wir tun das in dem Wissen, dass wir nicht die Ersten und nicht die Letzten sind. Wir fangen nichts an und wir müssen, ja KÖNNEN nichts vollenden.

Wir können vieles gut und manches sogar richtig machen. Auf Eigenlob können wir aber völlig verzichten, denn Gott übersieht ohnehin nichts von dem, was wir tun oder lassen. Wir sind Arbeiter im Weinberg Gottes, „wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“

Das bedeutet auch: Ich brauche keine Garantie für mich selber auszustellen, keine Hochglanz-Bewerbungsunterlagen von mir herzustellen. Ich kann mit allen Fehlern, die ich habe oder mache, Gutes tun, weil Gott alles Gute bereits geschaffen hat.

Ich brauche mein Herz nicht an meine Werke zu hängen, ebenso wie mein Versagen mein Herz nicht herunterziehen kann. Wenn ich weiß, dass ich von Gott komme und zu ihm gehe, werde ich von Herzen Gottes Spuren nachfolgen- und es wird Gottes Segen auf diesem Weg liegen.

Dann weiß ich, was zu tun ist, denn zum Guten gehört auch, dass nichts bleiben muss „wie es ist“. Und Gott wird gelingen lassen, was er will, manchmal sogar besser, als ich es geplant hatte.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Wir brauchen den Glanz der großen Worte. Denn DAS IST es, was große Worte bewirken: Sie klären unsere Religion, sorgen für unsere Rückbindung.

Sie werden zum Hafen, in dem wir Proviant und Treibstoff an Bord unseres Lebensschiffes nehmen. Sie verschaffen uns Klarheit über die Richtung, aus der wir aus dem Hafen auslaufen. Sie lassen uns wissen, wie es weitergehen soll. Sie fordern und formen unser Bekenntnis, unsere Konfession.

Unsere Konfession: Wir sind getauft und auf dem Weg in Gottes Reich. Und dass Gott niemals irgend jemanden auf diesem Weg verloren gehen ließ oder je lassen wird, haben wir schon in der Lesung aus dem Buch Hosea gehört (11. 1-11).  DAS sollte unsere Rückbindung sein und bleiben.

Dann können wir die Werke Gottes beherzt und unbeschwert tun, schon weil wir gar keine eigenen Erfolge vorzeigen könnten, die Gottes Erfolgen gleich kämen. Hochmut kommt vor dem Fall- Mut zum Leben aber aus dem großen Wort Gottes.

Wir dürfen darum auch feiern, als wenn alles bereits getan sei, weil es genau so ist. Denn wir sind angekommen in dem Land, in das wir unterwegs sind. Weil das Erbarmen Gottes uns durch die Taufe GESCHENKT ist: Ein für allemal, und niemand wird uns das nehmen können.

Denn der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, wird unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Amen.

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