Gnade! (Röm 1 1-7)

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht,
was sich außen abgespielt hat, sondern/
Verborgenes und Unsichtbares/
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Was Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.
Johannes 1,14a
***
GNADE SEI MIT EUCH
und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus!
Amen.

Zweiter Weihnachtstag. Was wird heute gefeiert?

Jochen hat es mit der Antwort am einfachsten, denn er hat heute Geburtstag. Herzliche Glückwünsche für Dich von der Kanzel! Gottes Segen für Dein neues Lebensjahr!

Du gehörst auch zu den wenigen (glücklichen!) Menschen unter uns, die zu ihrem Geburtstag immer in einen Gottesdienst gehen können. Denn heute ist ein gesetzlich geschützter Feiertag in Deutschland, sogar ein gesetzlich geschützter arbeitsfreier Feiertag.

Um einen Geburtstag geht es irgendwie ja auch zu Weihnachten, nämlich um den Geburtstag des Jesus aus Nazareth. Aus dem Matthäusevangelium haben wir vorhin ja gehört: Nachdem Joseph seine Verlobte Maria zunächst verlassen will, weil sie schon vor der Hochzeit schwanger war und nicht von ihm, erscheint ihm ein Engel Gottes im Traum.

Nach diesem Traum bleibt Joseph bei Maria. Das Kind, das dann geboren wird, bekommt von ihm den Namen Jesus. Nicht Immanuel, wie in Jesaja angekündigt und was „Gott mit uns“ bedeutet, sondern Jeschua, was „Gott rettet“ bedeutet.

Bei Matthäus: Keine Rede von einer Volkszählung, keine „Menge der himmlischen Heerscharen“, kein Stall und keine Krippe, keine Hirten und keine Schafe. Dafür aber nach unserem Abschnitt die Weisen aus dem Morgenland im Osten, der Stern, der ihnen den Weg weist, die Flucht nach Ägypten und der Kindermord des Herodes.

Die Weihnachtskrippen, die zuhause in vielen Weihnachtszimmern stehen, bringen alles einfach zusammen: Stall, Krippe, Hirten, Engel, die Weisen und den Stern.

Der Evangelist Johannes schreibt am Anfang seines Evangeliums anstelle einer Weihnachtsgeschichte seinen meditativen, wunderschönen Prolog „Am Anfang war das Wort“. Und der Evangelist Markus kennt offenbar gar keine Geburts- oder Kindheitsgeschichte Jesu.

Wenn es also nur um den Geburtstag des Jesus aus Nazareth vor ungefähr 2018 Jahren ginge, würde man den heute sicher nicht mehr feiern. Daran änderten auch die sagenumwobenen Umstände wie Krippe, Engel-Chöre oder die Weisenwallfahrt nichts. Denn niemand könnte ja belegen, dass das alles so auch geschehen ist. Nicht einmal die Evangelisten sind sich da einig. Was also feiern wir heute?

Gut reformiert am Bilderverbot orientiert: In unserer Kirche steht eine leere Krippe. Sie erinnert an die Geburtsgeschichte nach Lukas, verzichtet aber auf das ganze Drumherum. Hier in Hohenbruch ist sie um etwas erweitert, was sonst auch nicht in unserer Kirche anzutreffen ist: Eine brennende Kerze als Erinnerung an das Licht, das mit Jesus in diese Welt gekommen ist. Ein Ausdruck des Geheimnisses, das in dieser Krippe verborgen liegt.

Worin aber liegt dieses Geheimnis? Scheint tatsächlich seit der Weihnacht ein Licht in der Welt, das seines Gleichen nicht hat? Das die Menschen um uns Jahr für Jahr das größte Fest des Jahres feiern lässt?

Mancher wird jetzt sagen: Das wissen die meisten Menschen selbst nicht. Denn sonst wären heute nicht weniger Menschen in der Kirche als am Heiligen Abend.

Vielleicht stimmt das sogar. Aber ganz ehrlich: Wäre der Heilige Abend ohne die vielen Menschen in unserer Kirche nicht ein trauriger Abend? Und sind die vielen Menschen, die an diesem Abend in der Kirche waren, nicht ein eindeutiger Beleg dafür, dass das Geheimnis der Weihnacht LEBENDIG ist? Gegen alle Kirchenferne vieler Menschen? Auch ohne Krippenspiel? Worin liegt dieses Geheimnis also?

Paulus, der große Apostel der Urchristenheit, kannte selbst ja noch gar keines der Evangelien. Doch auch er war angesteckt vom Geheimnis des Jesus aus Nazareth. Dabei ist er Jesus erst Jahre nach dessen Kreuzigung begegnet.

Ihr erinnert euch: Paulus war auf dem Weg, um Menschen aus den jungen christlichen Gemeinden aufzuspüren und gefangen zu nehmen, um sie ins Gefängnis zu bringen, als er dem auferstandenen Christus vor Damaskus begegnete.

Und diese Begegnung stellte sein ganzes Leben auf den Kopf, oder in seinem Sinne besser: Vom Kopf auf die Füße. So wurde er vom Saulus zum Paulus, vom Christenverfolger zum ersten Missionar, der auch Gemeinden unter den Heiden gründete- gemeint ist unter Nichtjuden.

Wir wissen von seinen Missionsreisen, wir kennen die Briefe von ihm, die im zweiten Teil unserer Bibel stehen. Auch seinen Brief an die Gemeinde in Rom, den er aus Korinth schrieb.

Anders als die Gemeinde in Korinth hatte er die in Rom ja nicht selbst gegründet. Er schreibt ihr aber trotzdem, weil er ihre Hilfe sucht: Er hat vor, von Rom aus seine Missionstätigkeit bis nach Spanien auszudehnen, dem Ende der damals bekannten Welt.

Und im Anfang dieses Briefes, der heute Predigttext ist, kann man erkennen, WAS Paulus an diesem Jesus aus Nazareth so begeistert. Ich lese die ersten sieben Verse des Briefes:

1 1 Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes,
2 das er zuvor verheißen hat
durch seine Propheten in der Heiligen Schrift,
3 von seinem Sohn,
der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch,
4 der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist,
der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten –
Jesus Christus, unserm Herrn.
5 Durch ihn haben wir empfangen GNADE
und Apostelamt,
den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden,
6 zu denen auch ihr gehört,
die ihr berufen seid von Jesus Christus.
7 An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: GNADE sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Für unsere Ohren klingt das zunächst ziemlich kompliziert und eher dogmatisch-trocken. Aber dieser Briefkopf ist nach damals geltenden Sitten gestaltet. Er hat drei Teile: Absender, Empfänger und Gruß. Die Absenderangabe ist hier im Vergleich zu seinen anderen Briefen stark erweitert. Paulus benutzt sie zu einer ersten Selbstvorstellung und beschreibt seinen Auftrag als Apostel und den theologischen Inhalt seiner Botschaft.

Als Knecht, besser: Sklave Jesu ist Paulus abhängig und zugleich bevollmächtigt durch Jesus Christus. Inhalt der Botschaft, im Alten Testament prophetisch angekündigt, ist Jesus Christus selbst.

Und der wird durch eine doppelte Aussage gekennzeichnet: Er ist nach seiner irdischen Herkunft (also nach dem Fleisch) Nachkomme Davids und wurde in der Auferweckung von den Toten durch Gottes Geist zum endzeitlichen Bevollmächtigten Gottes eingesetzt. Vom auferstandenen Christus, dem Gottessohn und Herrn, hat Paulus auch seinen Auftrag empfangen.

Das ist für Paulus unerhört, er empfindet es als GNADE. Und genau diese Gnade wünscht er den Empfängern des Briefes, den Christen in Rom, die für Paulus Heilige sind, weil Christus selbst sie in seine Gemeinschaft gerufen hat.

GNADE.
Gnade hat Gott in Jesus Christus für Paulus bewirkt und wirkt sie noch immer. Die Gnade Gottes ist für ihn in Christus in die Welt gekommen. So nahe und so persönlich, wie sie nur durch einen Menschen aus Fleisch und Blut kommen kann. Und auch wenn Paulus das hier nicht direkt schreibt: Hier liegt für ihn das Geheimnis des Friedens, der von der Weihnacht ausgeht.

Weihnacht ist die Geburt der Gnade Gottes in der Person des Menschen Jesus Christus. Diese Gnade hat dem Menschen Paulus den tiefsten Frieden beschert. Diese Gnade soll alle erreichen: Die Gemeinde in Rom, die Heiligen Gottes auf der ganzen Welt.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Was aber bedeutet GNADE? Was bedeutet es, wenn ein Verbrecher „begnadigt“ wird? Wird da einfach nur auf die Durchsetzung des Rechts verzichtet?

Oder wenn eine eine „begnadete“ Fußballspielerin ist? Bedeutet das nur, dass sie gut Fußball spielen kann? Was SAGEN wir, wenn wir von einem charismatischen Menschen reden? „Charis“ ist griechisch und bedeutet eben: Gnade.

Wenn Paulus nun ein „charismatischer“ Missionar war: Für wen hat das „charismatisch“ eine besondere Bedeutung? Oder wenn im Gottesdienst das Wort „Gnade“ auftaucht, egal ob in Bibellesungen oder vorhin zu Beginn der Predigt im Predigtgruß, der ja aus dem Römerbrief stammt, oder wenn ein Gnaden-haltiges Wort im Alltag benutzt wird: Überhören die meisten dieses Wort nicht längst, weil es inflationär gebraucht ist?

Ein Versuch, „Gnade“ zu erklären, stammt von der irischen Rockband U2. Eines ihrer Lieder heißt „Grace“, was übersetzt „Gnade“ bedeutet und im Englischen ja auch ein bekannter Mädchenname ist. Ähnlich wie Charis bei uns.

Daraus macht die Band ein schönes Wortspiel, ich habe euch einen Teil des Liedtextes mitgebracht:

Grace, sie nimmt die Schuld auf sich
Sie deckt die Schande ab
Entfernt den Fleck …

Grace, es ist der Name eines Mädchens
Es ist auch ein Gedanke,
der die Welt verändert hat

Und wenn sie auf der Straße geht
Du kannst die Saiten hören (also Musik!)
Grace findet das Gute in allem

Grace, sie hat es geschafft

Sie hat Zeit zu reden …
Wenn sie zur Arbeit geht
Du kannst ihre Saiten hören
Grace findet in allem Schönheit

Was war einmal verletzt
Was war früher Reibung
Was hat eine Spur hinterlassen

Keine Stiche (Schmerzen?) mehr
Weil Grace Schönheit macht
Aus hässlichen Dingen

Grace findet in allem Schönheit
Grace findet das Gute in allem

GNADE – ein Gedanke, der die Welt verändert hat
Macht Schönheit aus hässlichen Dingen
Findet in allem Schönheit
Findet das Gute in allem

Gnade hat Paulus seine hässlichen Seiten erst sehen lassen. Seinen eifernden Fanatismus, den er Gott entgegenbrachte. Seinen Hass, mit dem er die Christen verfolgte. Seine Selbstgerechtigkeit, durch die er sich im Recht fühlte.

Der Mensch Jesus erscheint Paulus und fragt ihn: Warum verfolgst du MICH? Der Mensch Jesus tritt dauerhaft in sein Leben und verändert es. Lässt ihn seine Blindheit überwinden. Macht ihn zu einem Teil der begnadeten Gemeinde. Gibt ihm einen Auftrag, für den es sich lohnt, zu leben. Paulus wird zu einem Heiligen Gottes durch die Gnade des auferstandenen Herrn Jesus.

Jede und jeder von uns hat sie, die eigenen hässlichen Seiten. Hier muss ich keine Beispiele nennen.
Ich kenne meine, ihr kennt eure.
Der für die Liebe Gottes durch das Kreuz ins ewige Leben ging, der tritt neben uns.
Macht aus hässlichen Seiten Schönheit.
Findet das Gute in jedem.

Was kann mir Größeres geschehen, als dass ein MENSCH neben mich tritt, mich umarmt, meinem Leben Verletzungen, Reibungen und Stiche nimmt?
Mein Leben schön, wertvoll macht?
Der Herr Jesus Christus ist dieser Mensch.

Die Liebe Gottes,
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
treten in der Weihnacht in unser aller Leben.
Das bleibt Grund zum Feiern.
AMEN

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.