Gerechtigkeit am Kreuz (Lk 23, 33-49)

Karfreitag
Der Tod greift in das Leben
ein Tag wie so unendlich viele
Menschen opfern Menschen
für ihr Leben
oder das, was sie dafür halten

Und doch
KEIN Tag wie irgend-ein anderer
der Mensch greift nach dem Liebsten Gottes
Gott lässt es zu
aus Liebe
den Menschen eine Lektion
für die Ewigkeit

So sehr
hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn
gab,
damit alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
Joh. 3,16
***

Es gibt keine Gerechtigkeit, sagt sie.

Ich sitze am Tisch in ihrer Küche.
Sie deutet mit dem Kopf auf ein Bild über der Kommode.
Er ist im Krieg geblieben. Vier Monate waren sie verheiratet. Eingezogen, Ostfront, noch einmal Urlaub.
Dann kein Lebenszeichen mehr.

Ihre Tochter, erzählt sie und weint,
ist 1962 bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Seit Jahrzehnten ist sie allein.
Kaltes Wohnzimmer, warme Küche. Angelaufene Fenster. Kartoffeln auf dem Gasherd.
Sie wischt sich die Brille mit der Schürze.

Es gibt keine Gerechtigkeit.
Heute Morgen hat sie erfahren, dass man das Haus,
in dem sie wohnt, abreißt.
Es war ja auch schon lange nicht mehr viel wert.
Aber nun muss sie umziehen, ans andere Ende der Stadt.
Noch einmal neu anfangen, mit 91?

Bitter sieht sie aus.
Abgeschaffte Hände, abgeschaffte Seele, abgeschafftes Gesicht.
Wer hat, der bekommt mehr.
Der eine Geld, der andere Sorgen.
Sie sagt es nicht ganz so zurückhaltend.
Aber bald ist auch das ‚rum.

Das ‚rum?
Na ja, 91, sagt sie. Hätte ich einen Mann gehabt,
dann hätten sie nicht so mit mir umspringen können.

Drei Wochen später bekommt sie auf der Straße einen Schlaganfall, fällt ungeschickt, stirbt noch am Unfallort.
Verwandte sind keine da. Zur Beerdigung werden nur wenige aus der Nachbarschaft kommen.

Sie liegt in einem von vielen Gräbern auf einem der vielen  Friedhöfe. Das Grab nach Jahren verwildert, wenn sich keine mitleidige Hand findet. Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Erde, nicht einmal auf dem Friedhof.
Würde sie sagen.

Szenenwechsel:
Karfreitag. Tag der Gottverlassenheit des Menschen.
Karfreitags- Wetter: Trübe, nasskalt.
Wenn es den ganzen Tag über nie richtig Tag wird.
Karfreitag: Der Tag, an dem es nicht Tag wird.
Nicht so wie heute.

Auch hier: Es gibt keine Gerechtigkeit. Da hängt Jesus, abgeurteilt nach römischem Recht, gefoltert und gedemütigt, am Kreuz zwischen zwei Straftätern. Das ist die „Gerechtigkeit“, die auf Erden gilt. Wer die Macht hat, setzt das Recht.

Der Tod hat das Sagen. Je grausamer, desto abschreckender.
Der Gekreuzigte ist festgenagelt, er steht entweder auf den Nägeln im Fuß oder hängt an den Nägeln unter der Handwurzel.
Hängen, stehen, stehen, hängen.
Manchmal tagelang.
Bis der Kreislauf aufgibt.

Die Soldaten nehmen ihre Lanzen,  den zerteilten Rock und gehen in die Kaserne. Sie haben ihren „Job getan“. Jesus ist tot. Ordentliche Arbeit, tausendfach erprobt an Juden und anderen Feinden des Reichs, später auch an Christen.

Ja, es ist Drecksarbeit,  aber nach zehnen hast du dich daran gewöhnt. Wer redet von Moral. Wenn Moral auf Erden wirklich etwas bedeuten würde, gäbe es ja Gerechtigkeit.

Karfreitag, der Tag, an dem die Menschen Gott und sich selbst vergessen.
Der Tag des Zweifels an jedem Sinn eines Lebens.
Die Welt hat ihren Glanz verloren.

Wo steckt das Evangelium in dieser Hinrichtungsszene?
Welche gute Nachricht hat der Karfreitag für uns?

Dazu jetzt die Kreuzes- Sicht des Lukas.
Ich lese den Predigttext aus Lk 23 ab Vers 33:

Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte,
kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.
Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!
Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.
Und das Volk stand da und sah zu.
Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.
Es verspotteten ihn auch die Soldaten,
traten herzu und brachten ihm Essig
und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber!
Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
Auch einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!
Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.
Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.
Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.
Es standen aber alle seine Bekannten
von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Lukas sieht in allem Leid einen Jesus, der nicht gottverlassen stirbt. Nicht Psalm 22, sondern Psalm 31. Jesus betet nicht den jüdischen Sterbepsalm, sondern das Abendgebet, voller Gottvertrauen. Nicht: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, sondern: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Und weiter geht das Gebet, Lukas muss es nicht zitieren, jeder Bibelleser kann es selbst finden:
„Du bist meine Stärke… du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.
… ich aber hoffe auf den Herrn.
 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,5b–9)
Hier stirbt kein Gottverlassener.
Hier stirbt einer, der sich auf Gott verlassen kann.
In jeder Minute des Lebens. Und dieses Sterbens.

Und dann:
Die beiden, die mit ihm gekreuzigt werden,  sind bei den anderen Evangelisten nur kurz erwähnt. Nur eben, dass es sie gibt, wie vorhin bei Johannes. Keine Rede davon, dass die Übeltäter Reue zeigen, geschweige denn findet sich der Bericht einer Absolution für den einen Verbrecher.

Bei Lukas ist die Geschichte um die zwei, die mit Jesus gekreuzigt werden, ganz in den Mittelpunkt gerückt. Noch im Sterben: Jesus sorgt für die Seele dessen, der ihn bittet.

Eine dritte besondere Sicht: Johannes erzählt nichts von einem Hauptmann unter dem Kreuz. Markus und Matthäus berichten, er hätte gesagt: Dieser ist Gottes Sohn gewesen.

Lukas, wir haben es gehört, schreibt: „Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen.“ Andere übersetzen: Ein gerechter Mensch.

Jesus ist der fromme, der wahrhaft Gerechte nach den Maßstäben Gottes. Am Kreuz beweist sich Jesus als der wahrhaft Gerechte, auf den alle Welt wartet. Der, der bereit ist, die Schuld anderer auf seine Seele zu nehmen und so abzutragen

Die Gute Nachricht des Karfreitag nach Lukas:
Gott schickt den sündlosen, also durch nichts von Gott getrennten Sohn in den menschlichen Tod, um so zu zeigen:
Gott befreit seine Kinder aus der Falle der Trennung von Gott.
Die Sünde, wie die Alten das genannt haben, existiert zwar weiter. Aber sie verliert ihre Macht. Nichts, nicht einmal der schlimmste Tod, vermag Gott vom Menschen zu trennen.

Jesus ent-schuldet, ent-schuldigt uns. Nur so können wir in Freiheit leben und in Gottgeborgenheit sterben. Nur so können sie das Leben finden, das bei Gott keine Grenzen hat.

Ist das nicht unsere einzige Chance, dass Frieden wird in unserem Leben und Sterben?  Dass ein Leben in der Weite Gottes Vergebung bedeutet? Dass Gott kein böses Wort für den Menschen hat? Nicht für die Römer, die ihn verurteilen, nicht für die Juden, denen er in die Quere kommt? Nicht für die Jünger, die alles aus der Ferne ansehen, ihn sichtbar im Stich lassen? Nicht einmal für den Übeltäter, der selbst im Sterben noch lästert?

Das ist die Gerechtigkeit Gottes! Liebe, die sich anderen selbst in den dunkelsten Momenten des Lebens zuwendet, ihnen nachgeht und die Herzen für die Gegenwart Gottes öffnet: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an die Brust und kehrten wieder um.
ALLES Volk. Auch wir, die wir heute da stehen und zusehen.
Spätestens jetzt ist das auch dein und mein Evangelium.

Liebe Schwestern, liebe Brüder:

Viele können nicht verstehen, dass der Karfreitag für irgendjemanden ein Grund zum Aufatmen, sogar zum Feiern ist. Sie sagen: Der Karfreitag ist nur zu ertragen. Er ist zu ertragen, weil es Ostern gibt, weil Jesus von Gott nicht unter den Toten gelassen, sondern aus dem Grab auferweckt wird.

Das hat wohl auch dazu geführt, dass nach der Reformation in evangelischen Kirchen damit begonnen wurde, selbst am Karfreitag Abendmahl zu feiern. Der Karfreitag wird erträglicher, wenn man die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen hält.

Aber die Predigt des Lukas macht es uns leichter, den ERNST dessen zu erahnen, was am Kreuz geschah. Die GRÖßE der Tat Gottes zu sehen, und dass er sie UNSERETwegen tut. Lukas beschreibt uns, dass er SINN sehen kann im scheinbar sinnlosen Sterben des schuldlosen Frommen am Galgen der Römer.

Wir heute können mit Lukas sehen lernen:
Es gibt sie eben doch, eine Gerechtigkeit für diese Welt. Eine, die allen Menschen gerecht wird. Ich glaube fest daran, dass auch die einsame Frau, von der ich vorhin geredet habe, nicht von Gott verlassen war- gegen allen Anschein. Dass sie nicht gottverlassen gestorben ist.

Gottes Gerechtigkeit hat nichts zu tun mit der Zahl der Freunde, der Länge des Lebens, mit irgendwelchen Erfolgen oder mit Konfirmationsscheinen. Sie lebt vielmehr aus der Erkenntnis, dass am Kreuz alle Grenzen zwischen Mensch und Gott fallen. Die Liebe Gottes lebt – in seinem Sohn am Kreuz: Selbst dort hat Gott kein einziges böses Wort für uns.

Es ist diese Weite der Vergebung, die uns am Karfreitag trifft. In einer der grausamsten Hinrichtungen, die Menschen sich je erdachten, begegnet uns die Weite des Himmels, den Gott für uns aufschließt.

Seine Liebe, die uns nie aufgibt,
seine Gnade, durch Christus heute erwirkt,
und die Gemeinschaft seines Heiligen Geistes
retten unser Leben, weil wir in Gottes Armen bleiben.
Immer,
selbst am dunkelsten Tag dieser Welt.
Sogar die Auferstehung zu Ostern vermag uns nichts Größeres zu schenken, als am Kreuz für uns heute geschehen ist.
Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.