Es geschah im Schlaf (1. Mose 28 11-19)

Mancher Alptraum lastet auf unseren Tagen
Krankheit oder Bosheit
Überheblichkeit oder Ratlosigkeit
Aber Gott
schenkt jedem von uns
das Heil des Lebens

Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht,
was er dir Gutes getan hat.
Ps 103,2
***
Es geht heute um Jakob. Jakob, der Erzvater. Aus dem Israel wird. Hier aber ist er noch nicht einmal Vater, geschweige den Erzvater. Er ist ein noch junger Mann.

Schon der Name „Jakob“ ist schillernd. Die einen stellen fest, dass der hebräische Wortstamm etwas mit dem Wort „Ferse“ zu tun habe. Und die erzählen dann auch, dass Jakob bei seiner Geburt die Ferse seines älteren Zwillingsbruders Esau fest hielt. Schon im Mutterleib soll er also versucht haben, sich vorzudrängeln.

Vom gleichen hebräischen Wortstamm aber kommt auch das Verb „betrügen, hintergehen“. Ihr kennt ja sicher die Geschichte, in der das Muttersöhnchen Jakob seinen Bruder Esau durch Betrug um den Erstgeburts-Segen seines Vaters Isaak bringt.

Jakob – der, der schon in seiner Geburt die Ferse festgehalten hat, weil er nicht zweiter sein wollte. Jakob – der Lügner, der alle Register zieht, auch vor Betrug nicht zurückschreckt.

Jetzt ist dieser Jakob ist auf dem Weg von Beerscheba nach Haran. Die einen sagen, sein Vater hätte ihn ins Land der Vorfahren seiner Mutter geschickt, damit er sich eine ordentliche Frau suche.

Vater Isaak mag die Kanaaniter nicht, ihre Frauen machen da keine Ausnahme. Also soll der Sohn sich an anderem Ort eine Frau suchen. Wer die Geschichte dieser Brautschau kennt, weiß, dass Jakob für zwei Frauen seinem Onkel zwei mal sieben Jahre dienen muss. Harte Zeiten waren das damals!

Die anderen sagen allerdings, er sei hier auf der Flucht vor seinem Bruder Esau. Denn sein Bruder schäumte vor Wut, weil sein Zwilling ihn um den väterlichen Segen und damit um das Erbe bringen wollte.

Wie auch immer der wahre Grund heißen mochte: Jakob war müde, und er war allein. Darum suchte er sich einen halbwegs geschützten Platz zur Rast. Jetzt lese ich aus dem ersten Buch Mose, dem Buch der Genesis, den Predigttext für heute. Kapitel 28, von Vers 11 bis zum Vers 19 aus der Lutherbibel:

11 und (Jakob) kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
12 Und ihm träumte, und siehe,
eine Leiter stand auf Erden,
die rührte mit der Spitze an den Himmel,
und siehe,
die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.
13 Und der HERR stand oben darauf und sprach:
Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham,
und Isaaks Gott;
das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen
sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.
Denn ich will dich nicht verlassen,
bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er:
Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!
17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf
19 und nannte die Stätte Bethel;
vorher aber hieß die Stadt Lus.

Jakob ist also unterwegs in die Heimat seiner Mutter. Ein langer Fußmarsch ist das. Weil es keine Straßen oder feste Wege gibt, muss er aufpassen – dann kann er die Wege erkennen, auf denen die Karawanen reisen. Bei Dunkelheit sieht er diese Wege natürlich nicht mehr. Darum sucht er sich einen Ort für die Nacht.

Er findet einen Ort bei der Stadt Lus, wie wir im letzten Vers unseres Textes erfahren. Dort will er sich „an einer Stätte“ schlafen legen. Es wird nicht klar, was „an einer Stätte“ bedeutet. Das merkt man auch, wenn man Übersetzungen vergleicht. Die Zürcher übersetzt hier einfach nur „Ort“, sagt am Ende aber auch, dass dort eine Stadt war, die Lus hieß.

Vielleicht eine Art Opferstätte der Bewohner vor der Stadt, ein Steinkreis mit offenem Zugang? Wie auch immer: Ein Stein wird wichtig. Nach Luther legt er den „zu seinen Häupten“, also als eine Art Kopfende. Das verstehe ich so, dass er ihn zum Schutz vor kleineren Tieren so ausrichtet, dass er relativ sicher schlafen kann.

Die Zürcher macht den Stein zu einem Kopfkissen für Jakob. Da kommt mir der Protest meiner Frau in den Sinn, die inzwischen fast immer ihr eigenes Kopfkissen mitnimmt, wenn sie irgendwo anders schlafen muss als in ihrem eigenen Bett. Weil ihr die fremden Kissen meist so unbequem sind, dass sie schlecht schläft.

Gut, sie ist inzwischen sicher älter als Jakob damals war. Aber ein Stein UNTER dem Kopf kann vieles sein, aber sicher nicht bequem und sehr wahrscheinlich kein Garant für eine erholsame Nacht.

An diesem Ort, dieser „Stätte“ schläft Jakob ein. Er gibt die Kontrolle seines Lebens ganz ab. Und so hat er einen Traum: Auf einer Leiter, die bis in den Himmel reicht, steigen Engel auf und nieder.

Eigentlich steht im Hebräischen gar nicht „Leiter“, sondern eher „Aufschüttung“. Eine Art Rampe, vielleicht mit Stufen, also eine lange Treppe. So sieht es auch die Übersetzung der Zürcher Bibel.

In jedem Fall aber war der technische Fortschritt noch nicht bis zu den Engeln vorgedrungen: Sie hatten noch keine Flügel und mussten zu Fuß die Wege von oben nach unten und wieder zurück bewältigen.

Und am oberen Ende dieser Treppe oder Leiter, da also, wo Himmel und Erde zusammenkommen, steht Gott. Und er wiederholt die Verheißungen, die er schon Jakobs Großvater Abraham gegeben hat, und ich lese diese schöne Versprechung einfach noch einmal:

Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham,
und Isaaks Gott;
das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.
14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen
sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.
15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.
Denn ich will dich nicht verlassen,
bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Jakobs Nachkommenschaft soll ein großes Volk werden. Das Land ringsum wird ihm gehören. Jakob soll auf seiner Reise behütet bleiben und glücklich heimkehren. Durch ihn und seine Nachkommen soll nicht nur sein Volk, sondern werden alle Geschlechter der Welt Segen empfangen.

Jakob wird wieder wach. Er erinnert sich an den Traum. Er ist sich plötzlich völlig sicher, dass Gott in diesem Traum zu ihm gesprochen hat. Darum macht dieser Traum Geschichte. Er wird Teil unserer heiligen Schrift. Uns zu einer Erinnerung, die bleibt.

Meine Schwestern, meine Brüder,

diese Geschichte hat seit meiner Kindheit für mich nichts von ihrer Faszination verloren. Immer neu macht sie mich nachdenklich, lässt mich Dinge anders sehen oder neu begreifen.

Hier nur drei Dinge. Erstens:
DIE BEDEUTUNG DES SCHLAFS
Mit nichts verbringen wir mehr Zeit unseres Lebens. Als Säugling haben wir ganze Tage und Wochen verschlafen, und selbst wenn man als Erwachsener wenig schläft, wird am Ende des Lebens sicher ein Drittel davon verschlafen sein.

Selbst wer viel arbeitet, wird, wenn er ehrlich ist, mit seiner Arbeitszeit nie an die Zeit heranreichen, die er zum Schlafen braucht. Darum versucht mancher, den Schlaf schlecht zu reden. Schlafen kann ich noch genug, wenn ich tot bin.

Aber unser Schlaf ist unverzichtbare Lebens-Zeit der Regeneration. Jeder, der unter Schlafstörungen leidet, kann ein Lied davon singen. Man ist ohne ordentlichen Schlaf nur „ein halber Mensch“ – nicht wirklich man selbst, nicht belastbar, nicht klar im Kopf.

Schlaf hat darum nicht umsonst schon sprichwörtlichen Wert. Im Schlaf geschehen Dinge, die unser Leben beeinflussen, neu ausrichten, lenken. Ohne dass wir das selbst irgendwie in die eigene Hand bekommen könnten.

Das können viele Dinge sein.
Man hat schöne oder nicht so schöne Träume.
Manch einer überhört beim Schlafen im Hotel den Probealarm mitten in der Nacht.
Schläft am Strand in der Sonne ein und wacht mit einem Sonnenbrand wieder auf.
Schläft krank ein und wacht gesund wieder auf.

Wenn man sagt, über eine Sache „erst einmal eine Nacht schlafen“ zu wollen, wird deutlich:

Im Schlaf ändern sich Perspektiven. Was eben noch wie die absolute Katastrophe aussah, kann danach schon akzeptable Möglichkeit sein.

Über Nacht ändern sich Voraussetzungen. Was gestern noch als logische Folge erschien, kann heute schon eine klare Unmöglichkeit sein.

Über Nacht ändern sich auch Erkenntnisse. Gab es gestern keinen Ausweg, liegt die Lösung heute klar vor Augen.

Und das, ohne das man hin und herläuft, den Tag von Terminen diktieren lässt oder im Labor steht und experimentiert. Das passiert selbst großen Denkern wie dem Chemiker August Kekulé, dem die Ringstruktur des Benzolmoleküls nicht am Schreibtisch, sondern eben im Traum einfiel.

So auch hier. Im SCHLAF bekommt Jakob das, was er sich kurz vorher noch zu stehlen versuchte: Segen.

Und er bekommt einen Segen, der ungleich größere Bedeutung bekam als der Erstgeborenen – Segen seines Vaters je hätte sein und werden können. Den Segen Gottes. Er bekommt ihn in einem Moment, als er die Kontrolle über sein Leben ganz aus seiner Hand gegeben hatte.

Zweitens:
DIE SACHE MIT DER LEITER.
Mir ist dieses Bild näher als das der Rampe oder Treppe. Rampen oder Treppen sind feste Bauwerke. Gemauert, genagelt, fest angebracht.

Leitern aber sind variabel. Man stellt sie mal hier hin, mal da hin, ganz so, wie man sie braucht. Und wo immer WIR auch die Leitern unseres Lebens hin- oder aufstellen:

Die Verbindungsleiter zwischen Gott und uns Menschen stellt Gott selbst auf. Und er stellt sie immer genau da hin, wo er sie braucht. Mal hier hin, mal da hin. Und gegen alle Gesetze der Physik ist sie lang und stabil genug, so dass die Engel ganz ohne Gefahren zu uns kommen können. Und von uns wieder zu Gott. Ganz sicher, ohne Gefahr. Selbst ohne Flügel.

Drittens schließlich die Worte Jakobs:
UND ICH WUSSTE ES NICHT!
In der Vorstellung Jakobs hat Gott einen „PLATZ“ eingenommen. Oder besser zugewiesen bekommen. Einen Ort, eine Funktion, eine Macht, die Jakob sich hatte vorstellen konnte.

Aber WELCHER Platz auch immer – und WO auch immer dieser Platz gewesen sein mag: Gott sprengt alle Erkenntnismöglichkeiten des Menschen Jakob. Wenn der Mensch denkt, dass es irgendwo gottverlassene Orte gäbe:
Er irrt.

Und ich wusste es nicht!
Gott steht in der Fremde am Ende der Himmelsleiter.
Und ich wusste es nicht! Er steht in Jesus Christus mitten in meinem Leben.
Und ich wusste es nicht! Er lebt in meinem Nächsten, in meinem Freund, in meinem Feind.
Und ich wusste es nicht!

Bei all dem, was wir in unserem Leben von Gott entdecken oder über ihn zu „wissen“ glauben: Die Überraschung Jakobs wird uns immer begleiten. Selbst wenn wir im ewigen Leben Gott von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen, wird es uns nicht anders ergehen als Jakob, wir werden sagen müssen:
Und ich wusste es nicht!

Meine Lieben:
Gott wird sich von euch finden lassen.
Gerade da, wo ihr es selbst nicht in der Hand habt.
Gerade so, wie ihr es euch hättet nicht vorstellen können.

Gott stellt seine Himmelsleiter mitten in euer Leben.
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
WERDEN mit euch sein.
AMEN

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