Erlöster müssten mir die Christen aussehen (Röm 8, 26-28)

Erst vor sechs Wochen haben wir Ostern gefeiert und sind eingestimmt in den Osterjubel: Der Tod ist besiegt. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.

Am Donnerstag war Himmelfahrt, und wir haben sehen können: Der Christus hat das oft miefige Erdenallerlei verlassen und den Platz eingenommen, der dem Herrscher der Welten zusteht: Zur Rechten Gottes. Jesus Christus herrscht als König.

Aber sieht man uns das an? „Erlöster müssten mir die Christen aussehen“, hat Friedrich Nietzsche, der Philosoph, einmal gesagt. Hat er Recht? Müsste man den Christen den Osterjubel ansehen? Jeden Tag? Nicht nur einmal im Jahr?

Aber nur weil der Kalender Ostern angezeigt hat und die Männer Männertag gefeiert haben, wird das Leben nicht einfacher. Freuen auf Kommando- DER WITZ muss schon sehr gut sein. Und selbst der hilft nicht, wenn es mir gerade schlecht geht. Da wird es eher ein schiefes Grinsen als ein befreites Lachen.

Ja- man hätte es gern anders. Wäre gern jeden Tag frisch, stark, erfolgreich. Aber die Bilanz mancher Tage sieht eher schwach aus. Was nützt der Glaube da?

Den Predigttext lese ich aus dem Römerbrief im 8. Kapitel in den Versen 26-28, heute in der Lutherübersetzung.

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er  vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

Der Predigttext enthält starke Sätze. Inhaltlich, aber auch äußerlich: Dick gedruckt in vielen Bibelausgaben. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ ist der erste, und auch der zweite  ist Spruchkartenreif: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“

Schlagzeilen eben. Oft liest man den ganzen Text erst dann, wenn die Schlagzeilen ihn neugierig gemacht haben. Aber die beiden Sätze bekommen ihren eigentlichen Glanz, ihre Farbe, ihre Strahlkraft erst aus dem Zusammenhang, in dem sie stehen.

Darum ist es immer gut, auf den Zusammenhang zu schauen, hier über die drei Verse hinaus. Unser Abschnitt gehört zum großen Abschnitt der Kapitel 7 und 8 im Römerbrief. Hier entwickelt Paulus für die ihm unbekannte Gemeinde in Rom einen für mich immer faszinierenden Bogen seiner Theologie.

Dabei gibt er seine Antwort auf die Frage: Wozu ist dieser Glaube  gut? Was schafft der Glaube an Christus für das Leben hier auf der Erde? Also die Frage von eben: Was nützt der Glaube da?

Paulus sieht dabei das Leben nicht weltfremd entrückt. Denn er weiß aus der Erfahrung eigener körperlicher und anderer persönlicher Schwäche: Dieses Leben kann ziemlich elend sein.

Regelmäßig wiederkehrende epileptische Anfälle machten ihm immer neu zu schaffen. Er fasst dies im 2. Korintherbrief in drastische Worte: Mir ist „gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe“.

Und von der Sorte der besonders lieben Mitmenschen, die sich offiziell Mitstreiter nennen lassen, aber jede Gelegenheit zur Selbstprofilierung und Gegenarbeit nutzen, spätestens wenn man ihnen den Rücken zukehrt: Von denen ist in den Paulusbriefen mehr als nur gelegentlich die Rede.

Gerade die machen ihm das Leben schwer. Wollte er doch mit allem, was er anfing, die Gemeinde Gottes bauen, stärken, ihr weiterhelfen.  Wie er es aber auch immer anstellte: Sie fanden immer einen Weg, ihn anzugreifen, ihn mit Worten zu treten, ihm inneren Schmerz zuzufügen.

Ja: Dieses Leben kann ziemlich elend sein. Krankheit und mitmenschliche Gemeinheiten sind auch heute noch die Dinge, die einem das Alltagsleben schwer machen. Und dass es diese Gemeinheiten bis hinein in die Kirche gab und gibt, war und ist nicht unbedingt ein Werbeargument für den Glauben. Da helfen auch Ostern und Himmelfahrt nur wenig.

Genau darum verschweigt der Apostel die mühseligen täglichen Erfahrungen nicht. Dieser Mühsal aber setzt er kurz vor unserem Predigttext ein Loblied auf die neue Wirklichkeit entgegen:

„Die Schöpfung wird frei werden von der Vergänglichkeit. Noch/ seufzen und ängsten wir uns- doch wir werden finden zur herrlichen Freiheit Gottes.“

In diesem großen Bogen der Erlösungshoffnung für alle bedrängte Kreatur steht unser Text: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf …“ Das ist kein Frohsein auf Befehl. Sondern die Hoffnung des Trotzdem.

Der Realist Paulus weiß: Dieses Leben kennt beides. Stärken und Schwächen. Stärken machen einen froh und selbstgewisser – Schwächen aber bringen die meisten in Not.

Das ist auch heute nicht anders. Darum sucht mancher Schwächen lieber zu verbergen, sie zu verschweigen. „Zähne zusammen und durch …“ – das ist das Credo vieler. Sie wollen Erfolge. Mein Auto, mein Haus, meine Yacht – das sind Schlagzeilen des Erfolges. Schwäche – das ist die Schlagzeile des Misserfolges.

Doch wie lebt man damit? Welche Lebensqualität bekommt ein Leben, wenn solche Schlagzeilen der Stärke das Gefühl vieler bestimmen, dass so das Leben sein solle, Schwäche dagegen Scheitern sei?

Schwachsein hat so viele Namen, so viele Gesichter. Schwachsein macht vielen aber nur eines: Angst.

Angst, die einen bis in den Traum hinein verfolgt. Schon Kinder kennen die Angst zu versagen. Schüler haben Angst, nicht mehr mitzukommen oder ihren Abschluss nicht zu bekommen. Amokläufe selbst an Schulen, selbst in Deutschland.

Viele Mütter oder Väter haben Angst, dass ihre Lebenskraft nicht ausreichen könnte, um zu schaffen, was geschafft werden muss. Hartz 4- Lebensschwäche mit staatlichem Prüfsiegel.

Viele Alte fürchten sich vor dem Moment, an dem sie ihre Lebensselbständigkeit verlieren und auf Hilfe anderer angewiesen sind.

Eine der neueren Schimpf – Formeln, die man gerade unter jungen Leuten heute öfter hört, heißt: „Du Evolutionsbremse!“

Und selbst, wenn das in der Regel witzig gemeint ist, lässt mich dieser Spruch erschrecken: Evolution ist doch die darwinsche Theorie, nach der das Starke sich durchsetzt und das Unterlegene ausstirbt.

Kann jemand wirklich wünschen, dass dies auch für die Menschen gilt, die nicht zu den Starken gehören?

Vor allem: Wie kann man festlegen, was als Stärke, was als Schwäche gilt? Sind Kranke schwach? und Alte? Und Kinder? Und Menschen mit Behinderungen?

Valentin Rasputin hat in einem Roman (Abschied von Matjora) eine alte russische Bäuerin zu ihrem Enkel sagen lassen:

„Der Mensch müsst´ sich zügeln können. Innehalten, ein Weilchen, um zu schauen, gucken, was noch da ist und was der Wind schon alles weggetragen hat. Aber nein, er kann´s noch schlimmer. Der Mensch verhebt sich noch, er treibt, er hetzt, was das Zeug hat, da verhebt er sich noch dran.“

Andrej, der Enkel, lächelt: „Wie sollt´ er sich verheben, wo es doch Maschinen gibt…“

Großmutter: „Ich weiß, wovon ich rede … von euch, wie´s heutzutage zugeht, knochenlahm macht ihr euch nicht.
Bloß, dass ihr eure Seelen verplempert habt. Ein Mensch, in dem eine Seele steckt, hat Gott in sich, mein Junge. Nicht oben im Himmel. Und er segnet dich … Und noch mehr tut er: Hält das Menschliche in dir wert und teuer. Damit du als Mensch geboren wirst und Mensch bleibst. Damit Du Güte in dir trägst!“

Nein, knochenlahm machen sich die meisten nicht mehr, es gibt ja Maschinen. Aber Seelenlahme, Leute mit immer weniger Menschlichkeit, ohne Gott innen drin, Leute ohne Güte: Was wäre dieses Leben, wenn diese Welt nur von solchen Menschen bewohnt würde?

Sie wäre unmenschlich. Ich weiß, dass viele sich wünschten, es gäbe sie nicht: Zeiten des Verlustes, der Niederlage, der Krankheit, der Katastrophen. Aber könnten wir ein solches Leben wirklich lieben? Wäre es nicht ein völlig anderes Sein?

Welche Bedeutung hätte dann noch das Schöne, wenn es sein Gegenteil nicht gäbe?

Meine Schwestern, meine Brüder:

Und siehe, es war sehr gut: An Gottes Welt ist nichts zu verbessern. Denn Schwäche ist nichts, das uns uns unter die Räder kommen ließe.

Paulus würde Nietzsche widersprechen. Christen müssten nicht erlöster aussehen. Aber sie werden erlöster aussehen.

Denn der Geist Gottes hilft unserer Schwachheit auf: Er führt uns zusammen, lässt uns gemeinsam tragen, lässt das gottgewollte Leben kennen und schätzen lernen. Nur in der „Schwachheit“ bekommt der Mensch Ruhe und so die Chance zu sehen, was der Wind längst davongetragen hat – und was sich wirklich zu er- leben lohnt.

Und derjenige, der diesem Wirken des Geistes Raum gibt, wird auch der zweiten Schlagzeile Sinn abgewinnen: Alle Dinge wird Gott uns zum Besten dienen lassen. Aber eben nicht in dem Sinne von abgeschafften Evolutionsbremsen, die nur Menschen mit Erfolg übriglassen.

Dietrich Bonhoeffer hat es so ausgedrückt:
„Gott gibt uns Kraft eben nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. Ich glaube, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Der Geist, der in uns und mit uns seufzt, wird uns einen zu einer Gemeinde der Güte. Denn der, der seit Himmelfahrt sitzt zur Rechten Gottes, dessen Geist seit Pfingsten die Gemeinde leben lässt, schafft menschenwürdiges Leben mit Stärke und Schwäche.

Gott bietet uns Menschen so den einzigen Platz, auf dem wir nicht überfordert werden.

Hier gibt es den weiten Raum, in dem Schwäche nicht als Last, sondern als Möglichkeit zu entdecken ist, die das Leben liebenswert macht. Hier wird es geschehen, dass Enttäuschungen und Bitterkeiten uns nicht krank machen oder lähmen,  sondern uns zeigen, wo wir in unserer Menschlichkeit wirklich stehen.

Christsein ist eben keine Sonntagsbeschäftigung. Unser Glaube macht fähig zu wahrem Menschsein. Wir können uns täglich auf den Geist verlassen:
Er wirkt den Frieden Gottes, die größer ist als all unsere Vernunft
und der unsere Herzen und Sinne bewahrt in Christus Jesus. AMEN

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1 Antwort zu Erlöster müssten mir die Christen aussehen (Röm 8, 26-28)

  1. Gisela Krüger sagt:

    „Und von der Sorte der besonders lieben Mitmenschen, die sich offiziell Mitstreiter nennen lassen, aber jede Gelegenheit zur Selbstprofilierung und Gegenarbeit nutzen, spätestens wenn man ihnen den Rücken zukehrt: Von denen ist in den Paulusbriefen mehr als nur gelegentlich die Rede.“ wie wahr

    um so inhaltsreich predigen zu können, muss man Theologie studiert haben, danke dass ich Deine Predigt lesen darf.

    Wir schlagen uns so durch, aber es gibt sie noch, die Bibelstunde. Gern gehen wir Sonnabends zur Wochenschlussandacht nach Deutsch Wusterhausen.

    Ich freu mich schon auf Deine nächste Predigt!

    Bis dann alles Liebe

    gisela

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