Erinnerung (1 Mose 2 4bff)

Das Leben
es wächst hinaus
über die Köpfe der Lebendigen
Tage um Nächte
es raubt Gelassenheit
nimmt innere Ruhe
oft auch Gesundheit und Schlaf
sie werden immer neu
die Stunden
in Sorge
gar in Angst

Doch es ist uns gesagt:
Alle eure Sorgen werft auf ihn;
denn er sorgt für euch.
1 Petrus 5,7
***
Es war zu der Zeit,/ es war einmal,/ vor langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. So fangen sie an, diese ganz besonderen Geschichten. Märchenhaftes aus längst vergangenen Zeiten.

Manchmal: Schauderhaft. Böse Zauberer oder Hexen beherrschten ganze Landstriche, Drachen brachten Tod und Verderben, Ungeheuer regierten Meere und Wälder und forderten Menschenopfer.

Meistens aber waren die alten Zeiten die GUTEN alten Zeiten. Zeiten, in denen die Menschen noch wussten, was gut und was böse war. In denen zumindest am Ende/ das Gute siegte und die Liebenden sich in den Armen liegen konnten: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.

Auch zu Beginn unserer Bibel ist Ähnliches zu finden, ich lese aus dem 1. Mosebuch Kapitel 2 ab Vers 4b in der Lutherübersetzung:

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.
5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;
6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen,…
10 Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.
11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;
12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.
13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.
14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.
15 Und Gott der HERR nahm den Menschen/ und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Es war zu der Zeit: Eine Zeit, in der es noch nicht einmal ein „Es war einmal“ gab. Eine Zeit ohne Grün und Blau, ohne Mensch und Tier. Nichts war so, wie wir es heute sehen.

Zwei solcher Geschichten stehen am Anfang unserer Bibel.
Die erste sieht auf das Ganze wie durch ein Weitwinkelobjektiv. Im Zeitraffer von sieben Tagen trennen sich Dunkel und Hell, Festland und Meer, und mitten im Universum entsteht diese Welt, so wie wir sie heute lieben.

Unsere zweite Geschichte wechselt das Objektiv. Heute müsste man nur ganz nah heran zoomen. Einzelheiten erscheinen vor dem Auge, Kleinigkeiten, die man sonst übersehen hätte. Der Blick wird umgelenkt von der Weite des Universums auf einen Ort, an dem ein wunderschöner Garten entsteht. Doch eines nach dem anderen.

Zuerst: Der Blick auf die Zeit, VOR der Gott alles werden ließ. WAS man sehen kann, bleibt undeutlich. Aber man weiß, was man NICHT sehen kann: Kein Baum und kein Strauch, kein Regen, „und kein Mensch war da, der das Land bebaute“.

Das, was ist, ist kein Nichts. Es hat Potential. Spannung liegt auf den Polen, alles wartet auf etwas, das einschlägt wie ein Blitz. Etwas, was das Dunkel erhellt. Die ganze Erde wartet, dass etwas geschieht.

Dann kommt der Nebel. Er kommt aus der Erde heraus und macht alles feucht und klamm. Sand und Staub legen sich. Werden gebunden. Jedes Kind weiß doch, dass man mit trockenem Zuckersand nie und nimmer einen ordentlichen Kuchen aus der Sandkastenform herausbekommt. Da muss Wasser her. Gott weiß das erst recht.

Er nebelt sich so sein Material zurecht. Denn er hat Großes vor: Er will etwas schaffen, was sich von allem anderen in diesem Potential unterscheidet. Etwas neues, was diese Welt noch nicht kennt. Das, worauf sie wartet. Die ganze Erde harrt des Erdlings. Der wird jetzt kommen.

Der Anfang von Vers 7 klingt dann ungefähr so:
WA JITZÄR JHWH ELOHIM ÄT HA ADAM/ AFAR MIN HA ADAMA

WA JITZÄR JHWH ELOHIM ÄT HA ADAM: Es töpferte Jachwe Elohim den Erdling
AFAR MIN HA ADAMA: Aus dem feinen Staub der Erde
ADAM der Erdling/ HA ADAMA die Erde

Das Hebräische lässt es heute noch hören: Erde und Erdling kommen aus derselben Werkstatt,/ keiner kann sein ohne das andere./ Diese Erde wäre nichts ohne den Erdling,/ der Erdling wäre nicht ohne die Erde.

Gott nahm keinen groben Kies, erst recht keine Steine. Sein Erdling sollte etwas Besonderes werden. Feinen Staub benutzt Jachwe Elohim, nicht einfach Lehm, wie mancher denkt.

„Staub“ steht dabei sicher für Vergänglichkeit und Hinfälligkeit, aber auch für filigrane Eleganz, für feinste Formen. Denkt allein an Hammer, Amboss und Steigbügel im Ohr. So wunderbar, dass man damit sogar hören kann. Oder an die Lachfältchen in den Augenwinkeln. Wunderschön. Das geht nicht aus Kies.

„…und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“. „Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ (übersetzt Luther), „Und es ward der Mensch zu einem Leben-Atmenden“ (überträgt Zunz), „Und der Mensch wurde zum lebenden Wesen“ (Martin Buber), „Und so wurde der Mensch zu einem lebendigen Selbst“ (Seebass). Der Erdling – das Weltwunder über den Erkenntnissen der Theologie, der Medizin, der Psychologie. Er lebt- bis heute.

JHWH ELOHIM will sein Geschöpf erfreuen. Darum pflanzt er ihm einen wunderschönen Garten Richtung Osten an. Denn von dort kommen Licht und Leben. Dabei ist der Garten Eden nicht gleichzusetzen mit dem überweltlichen Paradies. Wohl aber herrschen in ihm paradiesische Zustände. Ein Garten, wie ihn sonst nur Könige hatten: Das wird der Lebensraum für den neuen ADAM.

Allerlei Bäume wachsen, „verlockend anzusehen und gut zu essen“. Nicht nur im Garten Eden: Sie wachsen „aus der Erde“. Sie sind und bleiben für die Menschheit überall erreichbar. Auch für uns, die wir nicht im Garten Eden leben.

Nach dem Garten teilt sich der Bewässerungsstrom in vier Flüsse – für jede Himmelsrichtung dieser Welt einen. Euphrat und Tigris kennt unsere Zeit. Bei dem „Gichon“ könnte es sich um einen Teil des Nils handeln, ganz sicher aber ist das nicht. Und wo der Pischon fließt, weiß heute niemand mehr. Aber er fließt durch ein Land, das damals schon Gold, Edelharze und Edelsteine kennt. Das spricht für eine Kultur, die Ihresgleichen sucht. Kultur, Wasser, Pflanzen, Tiere – mehr braucht die Welt Gottes nicht, um reich zu sein.

Unsere Erzählung schließt: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Wie ein spielendes Kind heute eine Spielzeugfigur dahin setzt, wo es sie haben will, setzt Gott seinen Adam in den Garten.

Und doch versteckt sich hier eine Überraschung, eine völlig andere Weltanschauung wie die sonst im Land zwischen Euphrat und Tigris. Dort waren die Menschen dazu gedacht, den „Tragkorb der Götter“ zu schleppen, ihnen also die schwere Arbeit abzunehmen.

Hier ist es ganz anders: Der Mensch muss sich hier wie ein König fühlen, denn Gott selbst hat den Garten geplant und angelegt.

Allerdings ist es wie in jedem Garten auf dieser Welt: Er ist nicht das Schlaraffenland. Der Gärtner erhält einen Kulturauftrag. Er soll den Garten pflegen, so dass auch seine Kinder und Kindeskinder ihn betreten und genießen können.

So muss der Gärtner nur das Gleichgewicht finden zwischen Pflanzen und Herausreißen, die Balance im Garten entdecken und erhalten. Bearbeiten und Bewahren. Arbeiten und behüten. Beispielhaft für alles auf dieser Erde. Eine Lebensaufgabe. Sinn für alles Menschen- Leben. Und genügend Zeit für NÄFÄSCH CHAJA: Lebendiges, sehnsüchtiges und vitales Leben. Ein Leben ganz auf der Höhe.

Meine Schwestern, meine Brüder,

sorgt euch nicht, es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat, sagt Jesus. Seit diese Erde sich dreht, reicht es für Blumen und Vögel, Wale und Elche. Auch für euch, die ihr so wunderbar von Gott gedacht und gemacht seid, wie ihr hier in der Bibel lesen konntet: Gott hat euch diese Erde gegeben, ihr braucht nur Gärtner zu sein. Schon könntet ihr leben wie die Könige.

Aber manch König wirtschaftet nur in die eigene Tasche und lässt seine Untertanen leer ausgehen. Tut alles für den Erhalt der Macht und wenig bis nichts für den Unterhalt des Volkes. Wir müssen nur nach Belarus sehen und haben ein sehr aktuelles Beispiel vor Augen.

Und nicht nur der große, auch schon der kleine Alltag treibt sie Sorgenfalten in die Gesichter der Menschen.

Da sind die Eltern, die vergehen vor Sorge: Das nachgeborene dritte Kind, was sie eigentlich gar nicht mehr in ihrem Plan hatten, das sie dann aber als besonderes Geschenk begriffen: Leukämie lässt das kleine Mädchen nun von Tag zu Tag weniger leben.

Oder die Frau, die in den Nachkriegsjahren oft nicht wusste, wie sie das tägliche Brot für ihre vier Kinder zusammenbekommen sollte und die auch danach nicht viel Glück hatte. Ihr zweiter Mann erwies sich als Trinker, der die spärliche Rente ins Wirtshaus trug, bis er – irgendwie zu ihrem Glück – vor ein paar Jahren starb. Und wenn ich sie jetzt besuche, höre ich immer die gleiche Klage: Stellen sie sich vor, ich bin bestohlen worden – die haben mir alles Geld aus dem Schrank geholt.

Oder der Mann in der Pflege, der schon seit Jahren ankündigt, das er seinen nächsten Geburtstag nicht mehr erleben würde. Auch bei diesem Besuch lag er mitten am Tag im Bett, und als eine Schwester ihm das Mittagessen brachte, sah er sie an wie einen Feind. Und als sie wieder draußen war, prüfte er das Essen, ob nicht etwa „irgend etwas Böses“ darin sei…

Gottgewolltes „Leben ganz auf der Höhe“ sieht wohl anders aus, und ich bin mir sicher, dass wir alle hier weitere Beispiele für solch real existierendes „heruntergekommenes“ Leben haben, vielleicht gar aus Erfahrung am eigenen Leibe.

„Sorgt euch nicht“, die Formel der Gelassenheit und Lebensfreude, wird da schnell zur Formel der Überforderung oder gar Häme. „Sorgt euch nicht“ – kann das nicht nur jemand sagen, der es sich leisten kann: In der Fülle seiner Brieftasche und, noch wichtiger, in der Tiefe seines Herzens?

Vor all dem verschließt Jesus nicht seine Augen. Auch er erlebt Kinder, die sterben. Frauen und Männer, die Angst vor dem Morgen haben. Alte, die keinen Himmel mehr sehen.

Und genau zu denen sagt er: Schaut auf die Vögel! Sicher, sie suchen immerzu nach Nahrung. Aber sie finden auch. Und haben trotzdem Zeit für sich. Für ihre Nester, ihre Kinder und so manchen unbeschwerten Flug. Sie leben OHNE Sorge, erstens weil sie sich gar nicht sorgen KÖNNEN – es sind ja Tiere – aber auch, weil sie es gar nicht MÜSSTEN. Und wir sorgen uns nur, weil wir es KÖNNEN.

Und Gott hat diese Welt so wunderbar geschaffen. Und NÄFÄSCH CHAJA gemacht: Lebendiges, sehnsüchtiges und vitales Leben. Im Garten Eden, dessen Tor uns wieder offen steht, wie uns die Weihnachtsstrophe erinnert: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis…“

Daran erinnert uns Jesus. Und wenn uns das Leben wieder einmal über den Kopf wächst, sollten wir daran denken: Gott sorgt für uns, denn er liebt uns, schon immer.

Er lässt uns Frieden finden, immer und für immer.
Den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft.
Er bewahrt unsere Leiber und Seelen in Christus Jesus.
AMEN

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