Dinner For All (Joh 2 1-11)

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Joh 1,16
***
Der Salon ist hergerichtet, die Tafel für das Abendessen ist festlich gedeckt. Es gibt eine Vorsuppe, dann Schellfisch aus der Nordsee, danach Hähnchen und als Nachtisch Obst. Die Hausherrin muss für das Menu nicht einmal in die Küche. Sie hat Personal, das sich um alles kümmert.

Das Essen ist gelungen, und zu jedem der Gänge gibt es etwas anderes Erlesenes zu trinken. Nicht alkoholfrei, versteht sich, schließlich ist Silvester, und das gehört schließlich gefeiert. Wasser kann man wieder trinken, wenn das neue Jahr den Alltag in das Leben zurückgebracht hat.

Ein Problem gibt es nun allerdings doch: Die vier Freunde der Gastgeberin, für die gedeckt worden ist, sind nicht gekommen. Sie sind nämlich längst gestorben. Und die Gastgeberin Miss Sophie, selbst schon hochbetagt, feiert nun mit virtuellen Freunden Silvester.

Und weil die allein selig machende Zoom-Konferenz noch nicht erfunden ist, muss der Butler ran und jeden der verstorbenen Gäste vertreten. Nicht nur mit einem Trinkspruch, sondern auch beim Trinken. Schkoll…

Ihr habt die Schwarz-Weiß-Bilder sicher längst vor Augen: Dinner for one. 1961 gedreht (also schon im Jahr vor meiner Geburt!) und seither alle Jahre wieder zu Silvester im Fernsehen. Ich kenne nicht wenige, die verpassen diese 18 Minuten Lady, Butler und Tigerfell zu keinem Silvester.

Wer aber hätte gedacht, dass diese Kamelle zum letzten Jahreswechsel für viele herbe Wirklichkeit werden würde: Zwei in einem Raum trinken mit ihren Freunden, die gar nicht anwesend sind. Corona lässt grüßen. Nicht nur unsere Gebetswoche.

Nachdem wir uns in diesem Jahr nun schweren Herzens entschlossen haben, unsere Abendgebete in der vergangenen Woche ausfallen zu lassen, beglückt uns das heutige Tagesevangelium nicht mit der harten Realität „Dinner für Eine“, sondern mit einem sagenhaften „Fest für Alle“. Ich lese aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 2, die ersten elf Verse:

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Diese Geschichte, in der Jesus Händewaschwasser in einen Spitzenwein verwandelt, ist für uns nun doch ein harter Brocken.

Zuerst natürlich, weil er uns kurz vor einer weiteren Verschärfung des Corona-Lockdowns an die guten alten Zeiten erinnert, in denen man noch nach Lust und Laune feiern konnte, wie man wollte. Nicht zu zweit, sondern mit Hunderten von Gästen. Nicht wahr, Jesus: Du kommst doch auch? Deine zwölf Jünger kannst du natürlich auch mitbringen. Deine Mutter wird übrigens auch da sein…

Doch auch Anderes ist durchaus verstörend. Es beginnt schon damit, dass Jesus ausgesprochen unfreundlich zu seiner Mutter ist: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau?“ Und sich dann nach einer kurzen Bock- Phase doch entschließt, zu helfen. Das ist doch Messias-unwürdig, das gehört vielleicht zu pubertierenden Kindern, doch aber nicht zu Jesus!

Außerdem: Seit wann streben wir nach Genuss? Wir doch nicht!
Ich habe zwar gerade gelesen, dass das „Streben nach Lebensgenuss bei der Mehrheit der Deutschen ungebrochen“ sei … „55% der Bundesbürger …orientieren derzeit ihr Leben am Genussgewinn“ .

Doch solche Lebenshaltung ist uns bei Kirchens eher verdächtig. Kirchenkaffee mit einem Keks, ja – wenn Corona vorbei ist. Dann auch wieder Wurst vom Grill, Bier und Wein beim Gemeindefest – aber doch in Maßen.

Aber wir – wir sind doch auf der Suche nach den WIRKLICH wichtigen Dingen des Lebens. Und Wein auf einer Party, welche Party auch immer, kann da ganz sicher keine WICHTIG-Rolle bekommen. Und Wörterbücher geben dieser lebensernsten Grundhaltung Auftrieb. In meinem stehen zu Alkohol als Synonyme „Fusel, Gift“.

Und überhaupt: Wasser zu Wein! Das ist doch Zauberei. Wer soll sowas glauben? Wie soll man das seinen Kindern erklären? Man kann ja nicht mal sagen: Das ist doch alles nur ein Märchen. Nein, kann man nicht. Denn es steht nicht bei den Gebrüdern Grimm, sondern in der Bibel, im Evangelium nach Johannes. Im selben Evangelium, dass uns so schöne und tiefsinnige Verse überbringt wie den Wochenspruch heute: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Joh 1,16

Und endlich der Schluss dieser Geschichte. Da sagt kein Hauptmann: Dieser ist wahrlich Gottes Sohn gewesen! oder eine fromme Frau: Ich glaube, dass du Christus bist, der Heilige Gottes! oder ein folgsamer Jünger: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des Ewigen Lebens!

Nein, der Oberkellner sagt locker – beschwipst mit einem Schulterschlag für den Gastgeber: Na, du bist mir ja einer! Hebt den guten Wein so lange auf, bis sie betrunken sind – und von dem guten Tropfen nichts mehr haben! Das alles lässt uns am zweiten Sonntag nach Epiphanias ziemlich ratlos auf unseren Messias schauen.

Klar, die jungen Eheleute werden zu ihm gesagt haben:
Jesus, Du hast uns gerettet!
Aber: Gerettet? Wovor? Vor einer Übung im Verzicht?

Und doch erzählt Johannes diese Geschichte des Weinwunders an exponierter Stelle, gleich zu Beginn seines Evangeliums. Es geschieht „am dritten Tag“.

Der erste Tag berichtet von Johannes dem Täufer und Jesus, der zweite Tag davon, wie Jesus seine Jünger findet, und jetzt dieser dritte. BEVOR Jesus IRGEND etwas von dem macht, was auch die anderen Evangelien berichten, ist er Gast auf dieser Hochzeit in Kana in Galiläa. Ein Fest der Freude.

Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana erzählt genau DAS, damit wir Gott nicht nur im Leid ansiedeln. Der Theologe Karl Barth hat das in einer Predigt einmal so ausgedrückt:

„Gewiss,
hat er gepredigt,
heiligt Gottes Güte AUCH unsere Schmerzen.
Aber wir dürfen auch dies hören: … sie heiligt auch unsere FREUDEN. Dass AUCH Jesus zugegen ist, wenn wir uns FREUEN, das ist nun noch einmal etwas Besonderes … Gott ist Mensch geworden, damit er bei uns sei im Leid, ABER auch in der Freude, und wir haben ihn hier wie dort NÖTIG.“

Und wir haben ihn – hier wie dort! – NÖTIG: Das ist es. Wir reden als Christen immer wieder davon, dass jemand „gerettet“ wird oder worden ist. Und dabei denken die meisten an Sünde und Schuld und Krankheit und Elend und Not.

Aber dass auch unsere Freude, gerade in unseren guten Tagen, eine gerettete Freude ist, davon reden die meisten nur wenig oder gar nie.

Dabei erfahren wir alle gerade in diesen Pandemie-Monaten schmerzhaft, dass das Glück oft kurz ist und die Freude nur vorübergehend. Dass schon im nächsten Moment alles anders aussehen kann.

Dass wir Menschen also IMMER gehalten und behütet werden müssen, sei es nun in der Freude oder im Leid. Selbst wenn im Augenblick kein Wölkchen am blauen Lebens-Himmel zu sehen wäre:
Jede Freude ist gerettete Freude.
Von Gott gerettete Freude.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana ist eine Epiphaniasgeschichte, eine Erscheinungsgeschichte. Sie erzählt, was geschieht, wenn die Herrlichkeit Gottes erscheint. Johannes schließt darum mit Nachdruck: Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit.

An der Stelle, wo der Hochzeit der Wein, also dem Leben die Freude auszugehen droht, lässt Jesus die Herrlichkeit Gottes aufscheinen. Das Glück wird bewahrt. Die Freude am Leben IST nicht zu Ende, denn die Freude an GOTT ist nicht zu Ende. Und er offenbarte seine Herrlichkeit!

Weil Gottes Herrlichkeit in der Welt erscheint, feiern wir Weihnachten. Weil Gottes Herrlichkeit in der Welt erscheint, haben wir allen Grund, uns in der Epiphaniaszeit Jahr für Jahr zur Gebetswoche zu treffen, Grund genug, uns über Gemeindegrenzen hinweg an dieser Herrlichkeit Gottes zu freuen.

Es ist doch diese Herrlichkeit Gottes, die uns in seinem Wort begegnet. Das uns eine ungekannte Freude spüren lässt, wenn es unser Leben ergreift und es zum Guten verändert.

Es ist die Herrlichkeit Gottes, die uns die Augen öffnet und erfahren lässt, was Gottes Barmherzigkeit bedeutet: Gott hat „beim Armen sein Herz“. Bei ALLEN Armen. Nicht nur bei Armen an Geld und Gut, sondern auch bei allen anderen, die arm sind an Einsicht und Erkenntnis, arm an Lebenssinn und Geduld, arm an Vergebung und Entschuldung oder arm an Zuwendung und Liebe. Gott hat beim Armen sein Herz. Er IST barmherzig.

Das ändert auch für die Menschen alles. Jetzt können sie aus Gottes Barmherzigkeit leben wie der Samariter.
Andere willkommen heißen, gerade WEIL sie anders sind.
Die Liebe Gottes weitergeben, die wie ein guter Wein das Herz erwärmt und gefangen nimmt.

Über all das haben wir in unserer Gebetswoche in diesem Jahr nachdenken und uns erfreuen lassen wollen. Freude am Leben durch Gottes Herrlichkeit: Das ist es doch, was das Christsein zu einem so kostbaren Geschenk macht.

Menschen, die mit Zahlen deutlich besser umgehen können als ich, haben sich einmal die Mühe gemacht und ausgerechnet, wie viel Wasser denn in diesen Krügen auf der Hochzeit gewesen sein mag. Sechs richtig große Behälter mit zwei bis drei Maß Wasser: Dabei ging es nämlich nicht um das bayerische Maß auf der „Wiesn“, sondern um insgesamt bis zu 500.600 Liter, also weit über eine halbe Million Flaschen.

Das ist selbst für eine orientalische Hochzeit unvorstellbar viel und es stellt sich die Frage: Wozu hat Jesus so viel Wein werden lassen? Und keinen einfachen Tafelwein, den man auch sonst mal zum Abend trinkt, sondern erlesenen, richtig guten Wein? Haben die Menschen damals so viel getrunken?

Der Kirchenvater Irenäus hat auf diese Frage geantwortet: „Nein, damals wurde nicht alles getrunken.
Wir trinken heute noch davon.“

Wir trinken heute noch davon,
und die Freude an der Herrlichkeit Gottes erwärmt uns das Herz und nimmt uns gefangen.
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
reichen für uns alle.
Und ganz sicher bis zur nächsten Gebetswoche 2022.
AMEN

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