Die Macht der Bilder (2 Mose 3 1-14)

Ein Kind in der Krippe
die Weisen aus dem Morgenland, die einem Stern folgen
Jesus auf dem Berg der Verklärung:

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Über dir geht auf der HERR,
und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Jesaja 60,2

***

GNADE SEI MIT EUCH und Friede von dem, der da ist,
der da war und der da kommt. AMEN!

Von der KRAFT der Bilder hören wir heute. Besonders wir Reformierte wissen ja um die GEFAHR der Bilder. Immer wieder erinnern wir uns daran: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis von Gott machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Uns soll es ja nicht so gehen wie den Israeliten, die im goldenen Kalb den Mammon anbeteten. Oder Herrn K. in Bertold Brechts Kalendergeschichten:

»Was tun Sie«, wurde Herr K. gefragt, »wenn Sie einen Menschen lieben?« »Ich mache einen Entwurf von ihm«, sagte Herr K., »und sorge, dass er ihm ähnlich wird.« »Wer? Der Entwurf?« »Nein«, sagte Herr K., »der Mensch«.

Niemand von uns möchte dem Entwurf eines Anderen ähneln. Man ist doch schließlich lebendig. Jeden Tag neu treffen wir Entscheidungen, korrigieren unsere Marschrichtung. Niemand kann uns daran hindern, Tag für Tag dazu zu lernen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Und wenn es mich nicht kümmert, warum sollte es dich kümmern?

Niemand will einem Entwurf ähnlich werden. Irgendeinem Bild, was ein anderer von einem hat. Und ganz bestimmt besonders in der Liebe nicht. Und das wird nicht überraschen: Was niemand von uns will, will auch Gott nicht. Erst recht in Sachen Liebe nicht. GEFAHR der Bilder: Dass wir in Versuchung sind, dafür zu sorgen, dass jemand oder etwas unserem Entwurf ähnlich wird.

Warum stehen wir eigentlich in dieser Versuchung? Weil wir Dinge erleben, die uns nicht mehr loslassen. Sie werden zu Bildern in uns, die wir immer und immer wieder vor Augen haben. Egal, ob malerische Landschaften, die man für einen Moment auf ein Foto bannen kann, oder bedrohliche Momente, die uns immer wieder vor dem inneren Auge „auftauchen“.

Dass Jesus vor ihren Augen sein Aussehen änderte, dass sie Mose und Elia sahen, als wären sie wieder lebendig geworden, dass aus einer leuchtend hellen Wolke eine Stimme spricht: Diesen Moment werden die Jünger nie vergessen, dieses Bild werden sie in ihrer Erinnerung behalten, es vor ihren Augen sehen. Und wenn wir ihre Geschichte lesen, können wir sie verstehen.

Schon immer haben Menschen Erlebnisse, die ihnen vor Augen BLEIBEN. Gerade ihre Begegnungen mit Gott vergessen sie nicht. Schon Mose hat sie nie vergessen.

Mose hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jetro. Eines Tages trieb er die Herde von der Steppe hinauf in die Berge und kam zum Horeb, dem Berg Gottes. Dort sah er einen brennenden Dornbusch.

Als Mose genauer hinsah, bemerkte er, dass der Busch zwar in Flammen stand, aber nicht niederbrannte. Merkwürdig, denkt Mose. Warum verbrennt der Busch nicht? Das muss ich mir aus der Nähe ansehen.

Gott sieht, dass Mose sich dem Feuer nähert, um es genauer zu betrachten. Er ruft nach ihm: Mose! Mose! Der antwortet: Hier bin ich. Gott ruft: Komm nicht näher! Zieh deine Sandalen aus, denn du stehst auf heiligem Boden! Ich bin der Gott deiner Vorfahren, Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Mose zieht seine Sandalen aus. Verhüllt sein Gesicht. Er spürt: Dieser Augenblick ist groß. Und Gott spricht weiter zu ihm: Ich habe die Hilfeschreie der Israeliten gehört, ich habe gesehen, wie die Ägypter sie quälen. Darum bin ich gekommen, sie aus der Gewalt der Ägypter zu retten. Ich will sie aus diesem Land herausführen und in ein gutes, großes Land bringen, in dem Milch und Honig fließen. Darum geh nach Ägypten, Mose! Ich sende dich zum Pharao, denn du sollst mein Volk aus Ägypten herausführen.

Mose bekommt es mit der Angst. ICH soll zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen? Ich? Wer bin ich schon? Gott aber antwortet: Ich stehe dir bei. Und wenn du mein Volk herausgeführt HAST, werdet ihr mir an diesem Berg Opfer darbringen.

Das überzeugt Mose nicht. Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage, dass der Gott ihrer Vorfahren mich zu ihnen sendet, werden sie mich nach seinem Namen fragen. Was sage ich dann?

Und Gott antwortet. Mein Name ist: Ich bin euer Gott, der für euch da ist. Sage den Israeliten: „Ich bin für euch da“ hat mich gesandt. Mose erkennt, dass er sich dem nicht entziehen kann. Und macht sich auf dem Weg, zurück nach Ägypten. Wörtlich nachlesen könnt ihr das im 2. Buch Mose Kapitel 3.

Ortswechsel. Sie sitzt früh im Zug, muss nach Berlin. Sie hat schlecht geschlafen, denn die Dienstberatungen erfüllen sie mit Grauen. Sie muss an den Streit mit ihrem Mann gestern Abend denken. Und an die überraschende Anfrage einer Freundin aus dem Presbyterium, ob sie nicht vielleicht bereit sei, selbst dort mitzuarbeiten. Als hätte sie nicht genug um die Ohren. Wie die nur auf sie gekommen sind?

Sie ärgert sich mehr an der Kirche als dass sie sie freut. Und dass da ein Gott ist, größer als alles andere, das ja. Aber wer ist der eigentlich? Und was macht er mit ihrem Leben? Warum hat sie nicht gleich nein gesagt?

Als sie ein paar Tage später dann doch zusagt, erzählt sie ihrer Freundin auch, wie sie zu dieser für sie selbst doch eher überraschenden Entscheidung kam:

Als sie an diesem fürchterlichen Arbeitstag nach Berlin musste. Und dann am Dom vorbeiging und plötzlich die Wolkendecke aufriss. Wie das Kreuz auf der Kuppel plötzlich hell erstrahlte und sie plötzlich wusste: Gott ist da. Und dieses Kreuz lässt ER jetzt NUR für mich leuchten.

Von der Macht der Bilder, die Weichen stellen, die Leben ändern. Immer wieder. Und schon immer.

Mose geht seiner Arbeit als Schäfer nach. Er zieht mit der Herde umher, sucht nach Weide, die die Herde satt macht. Und dann geschieht das Überraschende. Etwas, das sein Leben verändert. Ein brennender Busch, der nicht verbrennt. Kein „Kuschelbild“, sondern eines mit Dornen.

Gott ruft Mose beim Namen. Beim Namen nennen kann mich nur jemand, der genau mich meint. Aber es wird heikel, wenn mich jemand mit Namen anspricht, und ich diesen Jemand nicht kenne. Soll er geradeheraus sagen: Ich kenne Sie nicht? Wer sind Sie? Oder halbneugierig wie im Krimi: Wer will das wissen?

Die Antwort des Mose ist ein eher erschrockenes: Ja, das bin ich. Hier treffen sich keine guten alten Bekannten. Gott ist für Mose fremd, unsichtbar, unbekannt, rätselhaft.

Doch Gott kennt Mose. Er liebt ihn, er erwählt ihn. Er hat ihn aus dem Schilf am Nil gerettet, am Hof des Pharao sorgenfrei aufwachsen lassen. Als Mose versuchte, das Schicksal seiner Volksgenossen gewaltsam zu ändern und einen Aufseher erschlug, hielt Gott schützend seine Hand über ihm. Er ließ ihn wieder Ruhe finden, hier bei den Schafen seines Schwiegervaters.

Und jetzt redet dieser wissende Gott mit Mose, der von diesem Gott fast nichts weiß. Mose ist in Ägypten mit dessen Religion groß geworden. Von den Stammes-Vätern Abraham, Isaak und Jakob hat er zwar gehört. Dass diese einen Gott hatten, wusste er auch.

Aber ihre Zeit war lang vorbei, und jetzt weiß Mose nichts von ihrem Gott. So wie viele Menschen heute in unserem Land. Sie wissen, dass ihre Großeltern getauft wurden, dass ihre Vorfahren Kirchen bauten und in der Bibel lasen. Aber in ihrer Lebenswelt kommt Gott nicht vor. In der des Mose auch nicht.

Doch Mose kommt in Gottes Welt vor. Er weiß, dass Mose die Not seines Volkes umtreibt, das in Ägypten in der Sklaverei vegetieren muss. Als reicher Ägypter suchte Mose ohne Not den Kontakt zu seinen Blutsverwandten. Als gerecht denkender Mensch erschlug er einen Aufseher, der einen Israeliten quälte. Nothilfe heißt das heute.

Und das machte Mose zum Flüchtling. Hals über Kopf musste fliehen, bis er bei seinem Schwiegervater Zuflucht fand. Und hier, in der Stille der Steppe, sieht er diesen Busch, hört er diese Stimme: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen. Ich will dich zum Pharao senden, damit du das Volk aus Ägypten führst.

Das ist kein greiser Gott mit langem Bart, der sich auf seinem Wolkenthron zur Ruhe gesetzt hätte. Dieser hat zugesehen und zugehört. Jetzt will er handeln. Das ist der Gott, der aus Sklaven freie Menschen machen will. Und Mose soll sich an die Spitze dieses Volkes setzen.

Dieser Auftrag geht über die Kraft des Mose. Aber er muss nicht scheitern, denn Gott sagt zu ihm: Ich werde mit dir sein. Mose wird noch vieles einwenden. Aber schließlich wird er gehen. Er wird oft mit seiner Weisheit am Ende sein, aber Gott wird seine Zusage halten: Er wird sein, und er wird DABEI sein. Schon immer, für immer.

Kann man diesem Gott trauen? Das ist jetzt die Frage des Mose, das wird später die Frage des Volkes sein. Und diese Frage ist bis heute nicht verstummt: Kann man diesem Gott trauen? In der Fülle anderer Götter, anderer Bekenntnisse, anderer Weltanschauungen? Wer sagt uns denn, dass unser Glaube der Richtige ist, dass unser Vertrauen nicht enttäuscht werden wird? All das steckt in der Frage des Mose nach Gottes Namen.

Und Gottes Antwort bleibt rätselhaft, auch nachdem sich die Theologen tausende Jahre darüber den Kopf zerbrochen haben. So sollst du den Kindern Israel sagen: „Ich werde sein“ hat mich zu euch gesandt.

Auf Kirchenfenstern, Altären oder Kanzeldeckeln sind die vier hebräischen Buchstaben zu sehen. Tetragramm genannt, JHWH ausgesprochen. Den Juden ist dieser Gottesname so heilig, dass sie ihn nicht aussprechen, sondern stattdessen immer „Herr“ lesen. Denn auch ein Name wird zum Bild.

JHWH ist nun kein Name im üblichen Sinn, sondern sagt etwas über Gottes Wesen: Ich bin, und ich werde sein. So wie die Frage mit der Menschheit mitgeht: Wo ist nun dein Gott? Suchend, zweifelnd, vielleicht auch spöttisch. Auch Gottes Antwort geht mit all dem mit: Ich bin, der ich bin, und ich werde sein. Oder in anderer Übersetzung: Ich werde sein, der ich sein werde. Oder aus dem Zusammenhang heraus: Ich werde für euch da sein. In der Offenbarung des Johannes lesen wir: „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt“ (Offb 1,4). Gottes Name in allen Dimensionen der Zeit.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Bei aller Gefahr, die Bilder für unser Denken mit sich bringen: Der Macht der Bilder Gottes brauchen wir uns nicht zu entziehen. Das Bild des brennenden Dornbusches erinnert seither eine Generation nach der anderen an die Gottesbegegnung des Mose und damit an den Namen Gottes.

Solche Bilder werden zur immer neu beglückenden Erfahrung: Ja, Gott ist, und er ist ganz für die Menschen da. Im Dornbusch, in der Feuersäule in der Wüste. Im Kind in der Krippe, im Stern, der die Weisen zu Jesus führt. Im leuchtenden Kreuz auf dem Berliner Dom oder in der unendlichen Fülle der Gesetze der Natur, in der wir leben dürfen.

Sicher hat jeder von uns sein ganz persönliches Bild einer Gottesbegegnung. Die Erinnerung an den Moment, an dem mir klar wurde: Gott spricht. Und er spricht mit mir. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“

Überrascht und überwältigt, aber nie gezwungen haben Menschen in solchen Momenten den Auftrag Gottes für ihr Leben wahr- und angenommen. Er hat ihr Leben verändert, es reicher und schöner gemacht. Vielleicht auch schwerer.

Aber das bringt Segen in das Leben. Die Erfahrung nämlich, dass Gott nicht nur Lasten zum Tragen aufgibt, sondern auch alle Hilfe werden lässt, die nötig ist. Immer.

IMMER geht er selbst voran, erweist sich als der Lebendige. Lebt LIEBE, die der Versuchung nicht erliegt, den anderen einem Entwurf ähnlich zu machen. Seine Liebe macht uns nicht zu Marionetten, sondern zu Partnern im Gespräch. Sie wächst im Miteinanderreden, im Kennenlernen, im Ernstnehmen des anderen.

Lasst euch die Bilder eurer Gottesbegegnungen nicht kleinreden. Denn Gott selbst lässt sie euch sehen und erleben.
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da war, der da ist und der da kommt.
AMEN

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