Die große Freiheit (Gal 2 16-21)

Wer bin ich?
Der, der ich gerne wäre?
Der, den andere zu Recht erwarten dürfen?
Halte ich mehr von mir, als ich bin?
Traue ich mir weniger zu, als ich könnte?
Bin ich hochmütig?
Bin ich Kleinmütig?
Oder beides?

Wer nicht Knecht der Welt,
sondern frei sein will,
braucht Mut
zum Gehen, zum Fallen,
zum Aufstehen, zum Siegen.
Mut zum Dienen,
Demut.

Gott widersteht den Hochmütigen,
aber den Demütigen gibt er Gnade.
1 Petrus 5,5b
***
Emanzipation – ein Wort, das wichtig ist für viele.
Manch einer setzt es einfach nur gleich mit dem Bestreben, Frauen in unserer Gesellschaft nicht schlechter zu stellen als die Männer und erfindet dann schnell den Begriff Efrauzipation: Nun müsste man ja auch endlich mal über die Benachteiligung der Männer in der Gesellschaft reden.

Aber Emanzipation einfach mit „Gleichberechtigung“ gleichzusetzen greift wesentlich zu kurz. In E-manzipation steckt das lateinische mancipium. Das hat etwas mit der Hand zu tun; „manuell“- das weiß jeder, bedeutet etwas mit der Hand zu tun.

Mancipium ist das feierliche Handauflegen zur Eigentums-Bestimmung. Das machte man damals mit einem Sklaven, aber auch seinem Kind. Damit wird bekundet: Du gehörst zu mir, bist ein Teil von mir, Teil meines Lebens, Wollens und Tuns.

E-manziaption bedeutet also wörtlich „unter den Händen heraustreten“, übertragen „in die Eigenständigkeit entlassen“. Im heutigen Gebrauch bedeutet es also die Befreiung von Zwang, realem und empfundenem. Dass man sich also nicht mehr binden lassen will von irgendwelchen fremden Gedanken, Menschen oder Verpflichtungen, die man übernommen, ererbt oder aufgezwungen bekommen hat.

Es geht also bei der Emanzipation darum, sich selbst umzuschauen, selbst zu entscheiden, was man tut oder lässt. Es gibt viele Menschen, die darunter leiden, dass sie sich immer und wieder in fremd bestimmten Rollen wiederfinden. Rollen, in denen sie eine unangemessene Bevormundung erleben. Nicht sie Selbst sein können.

Da sind Staatsformen, in denen Regierungen oder Regenten bestimmen, wie gedacht und gelebt werden soll. Lebensgemeinschaft oder Familien, in denen es kein gleich-wertiges Miteinander, sondern das offene oder verdeckte Diktat eines selbsternannten Familienoberhauptes gibt. Vereine oder Gemeinden, in denen das, was man selbst fühlt, lebt oder leben will, weniger gilt als die Meinung derer, die Regeln bestimmen oder Gesetze schreiben.
Das haben wir doch noch nie so gemacht.
Das war immer anders.

Und das sind keine Kleinigkeiten, nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen kann. Denn da, wo Menschen neben uns aus der Erfahrung des Leides der Fremdbestimmung nach einer Änderung suchen, suchen sie vor allem nach der Erfüllung ihrer Lebens- Zeit, danach, dass ihr Leben gut, richtig, gerecht werden möge. Sie suchen nach ihrer persönlichen Freiheit. Und niemand von uns würde die für sich selbst missen wollen.

Denn nicht frei zu SEIN, sich nicht frei zu FÜHLEN, ist dem Leben eine Last, macht es unglücklich und doppelt anstrengend. Da wird einem das Aufstehen an jedem Morgen schwer, da bleibt einem sogar gutes Essen im Halse stecken, da vergeht einem das Frohsein.

Wie seiner Zeit Kurt Tucholsky, der schrieb: „Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben und glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen.
Freiheit – gar nicht.“ Wer um Tucholsky weiß, weiß auch, dass ihn das in den Freitod getrieben hat.

Mich macht es heute noch betroffen, dass offenbar niemand
damals in den 30er Jahren in der Kirche für ihn da war. Weder in Deutschland noch im friedlichen Schweden, wo Tucholsky starb und begraben ist. Es gab niemanden, der den rechten Zeitpunkt und die rechten Worte fand, um von der großen Freiheit zu reden, von der in der Bibel die Rede ist. Sie redet von Menschen, die bewusst unter die Hand Gottes gegangen sind und gerade dadurch freie Menschen wurden.

Paulus ist einer von ihnen. Und so kompliziert seine Rede von Gesetz und Gauben aus dem Galaterbrief zunächst auch klingen mag, es geht in ihrem Kern um Freiheit in Manzipation.
Ich lese den Predigttext aus dem 2. Kapitel ab Vers 16:

16 Aber wir wissen ´jetzt`, dass der Mensch nicht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften für gerecht erklärt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Darum haben auch wir unser Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt, denn wir möchten vor Gott bestehen können, und das ist – wie gesagt – nur auf der Grundlage des Glaubens an Christus möglich, nicht auf der Grundlage der Gesetzeserfüllung. Niemand steht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften vor Gott gerecht da.
(und später schreibt er weiter:…)
19 … Ich ´habe mit dem Gesetz nichts mehr zu tun;` ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um ´von jetzt an` für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.
20 Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.
21 Ich weise Gottes Gnade also nicht zurück, denn das Gesetz kann uns nicht dazu verhelfen, vor Gott gerecht dazustehen. Wäre es anders, dann hätte Christus nicht sterben müssen.

Historisch geht es an dieser Stelle um den Vorwurf, Paulus verkündige nicht das vollständige Evangelium, sondern nur seinen „einfachen Teil“. Seine Kritiker predigen:

Wer ein rechter Christ sein will, muss
a) mit dem Bundeszeichen der Beschneidung versehen sein, um Anteil zu haben an der Bundesgeschichte Gottes, er muss
b) demzufolge achthaben auf den jüdischen Festkalender und schließlich
c) die Reinheits- und Speisevorschriften einhalten.

Beschneidung, jüdischer Festkalender, Speisevorschriften: Damit können wir in unserem Alltag nichts mehr anfangen.
Und doch geht es um Dinge, die wir tagtäglich erleben. Regeln, „die schon immer“ galten und eingehalten werden müssten, wenn man „dazugehören“ will.

Genau hier scheint er durch, der Stolz auf das, was man ist, was man darstellt, was man erreicht hat. Der Stolz, etwas Besonderes zu sein, anders, als die anderen, sichtbar in Regeln zur Reinheit, zur Speise, zum Aussehen… Wer diesen Stolz nicht teilt, kann nicht teilhaben an Gott!

Das alles aber ist für mich gestorben, sagt Paulus. Das ist für mich gestorben, weil Christus für mich gestorben ist. Denn Christus ist gestorben, weil er anders war als die anderen. Ihre Regeln, ihre Vorschriften, ihre Gesetze brachten kein Leben, sondern den Sohn Gottes ans Kreuz.

Wenn es eines klaren Beweises bedarf, wo es endet, wenn man selbstgemachte Regeln und Gesetze und Vorschriften höher hängt als das Herz Gottes für die Menschen:
Man muss nur auf das Kreuz sehen. Dort endet das: Im Tod.

„Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir.“ Warum sieht Paulus das so? Soll man sich nicht mehr daran freuen, weil man selbst ICH ist, SELBST lebt?

Doch das können uneingeschränkt nur die, die vor Kraft strotzen und vor Selbstbewusstsein. Menschen, die von keinerlei Bescheidenheit „angekränkelt“ sind. Kerngesunde, Starke, Junge, Schöne, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Doch all das ist im Menschenleben niemals IMMER, also in jedem Moment, der Fall. Und es gibt ja auch noch die andern: Die Kleinen und Kranken, die Huren und Zöllner, die Schüchternen und Unfreien, denen Selbstbewusstsein fehlt. Die von vornherein auf das Wohlwollen Anderer sind.

So gesehen lebt jeder die meiste Zeit des Lebens „in jemand anderem“ oder „durch jemand anderen“. Also stellt sich die Frage, ob sich das (biologisch gesprochen) um ein parasitäres oder symbiotisches Verhältnis handelt. Ob einer auf Kosten eines anderen lebt oder ob zwei zum gegenseitigen Nutzen leben. Nicht, ob man sich emanzipiert, sondern nur WOVON. Nicht, ob man sich manzipiert, sondern nur WOZU.

Für Paulus ist klar: Jesus lebte unter der Hand Gottes. Darum war er völlig frei, die Liebe Gottes für andere Menschen zu leben. Das hat Paulus überwältigend bei seiner Bekehrung vor Damaskus am eigenen Leibe erlebt.

Darum will Paulus sich e-manzipieren, indem er sich von Gott manzipieren lässt. Er emanzipiert sich von allem Gesetz der Welt und und manzipiert sich in die Hand Gottes. Denn diese Hand hat alles, was das Leben richtig, gerecht, wirklich gut werden lässt. Und davon will er sich auch nicht abbringen lassen, weil Jesus sich nicht einmal durch das Kreuz davon abbringen ließ.

Und weil alles andere ein schlechter Tausch ist. Denn wohin die Herrschaft des Gesetzes führt, meint er deutlich zu sehen. Sie führt seit Menschengedenken jedenfalls nicht dazu, dass die Welt vor gerecht würde, auch und besonders nicht vor Gott.

„Ich weise Gottes Gnade also nicht zurück, denn das Gesetz kann uns nicht dazu verhelfen, vor Gott gerecht dazustehen. Wäre es anders, dann hätte Christus nicht sterben müssen.“

Ich werfe die Gnade Gottes doch nicht freiwillig weg! Christus wäre doch vergeblich gestorben, wenn wir so leben müssten!
Gesetze, Vorschriften, Gängelei: Sie nutzen doch nur, wenn sie dem Menschsein dienen.

Wenn der Mensch aber erst einmal zu ihrem Diener, ihrem Knecht geworden ist, ist das das Ende der Freiheit. Dann ist man in ihrer Hand, DANN hat man sich manzipieren, sich von IHNEN die Hand auflegen, sich von IHNEN in Besitz nehmen lassen

Meine Schwestern, meine Brüder:

Unsere Kirche wird nicht untergehen an ihren erklärten Gegnern, die das Evangelium bewusst ablehnen. Denn ihre Argumente sind Argumente der Menschen-Gesetze, sind Argumente des Stolzes gegenüber Gott, seiner Größe, seiner Fähigkeiten. So aber werden sie das Ziel aller Menschen, ihr Leben gut und gerecht leben zu können, nie erreichen.

Aber unsere Kirche steht sich oft selbst im Weg, sie lähmt sich oft selbst. Nämlich immer dann, wenn sie das Evangelium der Freiheit zu einem Kater macht, der das Haus nicht mehr verlassen darf.

Und das ist leider immer wieder zu sehen. Dass Menschen in den Kirchen Christus zum Lügner machen, indem sie ihr Terrain abstecken, die Regeln machen, nach denen sich Christus in der Kirche bewegen dürfe. Damit nehmen sie nicht nur anderen, sondern (oft ohne es zu merken) sich selbst die Möglichkeit, frei zu sein, den anderen kennen zu lernen, zu entdecken, was Gott durch ihn schenkt.

Versteht mich nicht falsch: Regeln und Normen können zu gedeihlichem Miteinander helfen. Was nützt mir das beste Fest- Essen, wenn meinem Gegenüber dasselbe aus dem Gesicht fällt, weil er es nicht lassen kann, mit vollem Mund zu sprechen und mir jeder Appetit vergeht?
Keine Frage: Es ist sinnvoll, eine Regel zu haben, die besagt, dass man nicht mit vollem Mund sprechen solle. Auch, wo in der Küche die Gläser stehen.

Aber auch ich habe diese Regel schon mal vergessen und mich nicht an sie gehalten. Muss ich nun lebenslang alleine essen, weil ich die Regel nicht eingehalten habe? Allein abwaschen, allein die Küche aufräumen?

Im Großen ist das nicht anders. Sich vom Gesetz zu emanzipieren und sich unter die Hand Gottes zu begeben, also DEMÜTIG vor Gott zu werden: Das bedeutet, FREIHEIT zu finden zur Liebe am Leben, wie Christus sie uns vorgelebt hat.

Karl Barth hat das einmal so beschrieben:
„Der freie Mensch ist (eben) … nicht gezwungen, von jedem äußeren Zwang unabhängig sein zu wollen.
Er kann sich allerlei unerwünschte Disziplin gefallen lassen.
Er kann (-) auch in der Schule, auch auf dem Krankenlager,
auch im Gefängnis, auch in der Kaserne,
er kann auch im Bereich wunderlicher Herren und Gesetze
ein freier,
ein innerlich und .. auch äußerlich unabhängiger Mensch sein …
Einem freien Menschen merkt man es im Unterschied zu einem noch unfreien an,
dass er dauernd in einem kritischen Gespräch mit sich selbst begriffen ist,
(und) dass man ihn darum nicht selten
gerade über sich selbst fröhlich lachen hört“.

Ihr werdet es sehen:
Wer sich unter die Hand Gottes begibt,
dem wird dieses Lachen nie vergehen.

Denn er wird leben können unter der Liebe Gottes, der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Das sollte sich niemand entgehen lassen! AMEN.

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