Die Frage. Deine Antwort? (Mt 21 1-9)

Advent
Zeit der Hoffnung
Hoffnung auf eine Welt
in der alle Herrschaft
Herrschaft Gottes ist

Advent
Zeit der Sehnsucht
Sehnsucht nach Befreiung
von den Fesseln des Verstandes
der schmalen Sicht des Wissens

Advent
Zeit der Freude
Freude über den der kommt
und alles neu macht

Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer.
Sacharja 9,9
***

Einer liegt auf dem Bett. Er kann weder leben noch sterben.
Sein Name: David. Sein Status: Der wahrscheinlich größte König Israels.

Einige seiner Söhne scharren schon mit den Hufen: Sie sehen, dass es mit ihrem Vater zu Ende geht. Adonija, nach dem Tod seines Bruders Absalom nun der älteste, hat bereits zum Festmahl des Thronfolgers geladen: Alles, was im Reich Rang und Namen hat, Kirche und Adel sozusagen, sollte kommen. Das Ziel: Noch vor des Vaters Tod zum König ausgerufen zu werden.

Nicht geladen waren „Kreti und Pleti“, alle die, die in der Aristokratie zu den Ungeliebten zählten. Allen voran natürlich Bathseba, des sterbenden Königs Lieblingsfrau. Schließlich war sie ja vor ihrem Ehebruch mit David mit einem Ausländer verheiratet gewesen.

Dann ihr Sohn, der Liebling Davids: Salomo. Und seine Parteigänger. Der Prophet Nathan, der Priester Zadok, der General Benja. Sie durften nicht mit einer Einladung rechnen. Sie waren unerwünscht.

Daum gibt es eine Intervention. Die Ungeliebten, Ausgeladenen beschweren sich beim kranken König: David, hattest Du nicht gesagt, Salomo sollte Dein Nachfolger auf dem Thron werden?
Stattdessen will sich Adonija krönen lassen!

Der greise David lässt sich das nicht bieten. Vom Bett aus befielt er, seinen Sohn Salomo zum König salben zu lassen. Und damit jeder im Volk sieht, dass Salomo SEINE Wahl, die Wahl des Königs ist, lässt David sein Maultier aus dem Stall holen. Maultiere sind ja die Kreuzungen aus Pferd und Esel, kleiner als das erste und größer als das zweite. Auf diesem königlichen Maultier lässt David seinen Sohn Salomo in Jerusalem einziehen.

Das Volk versteht diese Symbolhandlung auch ohne Posaunen und lange Reden. Sie jubeln dem zu, der auf dem königlichen Maultier reitet: Es lebe Israels König Salomo! So wird der von Adel und Kirche Geschmähte und Gemiedene zum König der Herzen, zum Herrscher des Volkes.

Was uns jetzt wie eine Frühfassung von Dallas, Falcon Crest oder anderen Intrigenfernsehserien vorkommt, war durch die Folgejahrhunderte hindurch eine Hoffnungsgeschichte für die ausgeladenen „Kreti und Pleti“. Auf den Nachfahren des legendären David ruhen aller Augen.

Vom Propheten Jeremia kann man Hunderte Jahre später lesen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“

Oder beim Propheten Sacharja: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“

Der Gerechte in der Nachfolge Davids – Hoffnung für Generationen von Juden über Jahrhunderte hinweg.

Vor diesem Hintergrund wird auch klarer, was im Evangelium für den 1. Advent zu lesen ist. Der Evangelist Matthäus schreibt im 21. Kapitel:

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):
5 „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.“
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Das Volk hat nicht vergessen, es versteht, was da abläuft. Es sind die kleinen Leute, die jetzt den Druck der Straße produzieren. Sie haben nichts zu verlieren und huldigen ihrem König – dem Kaiser in Rom und seinem Statthalter Pilatus in Jerusalem zum Trotz.

Ihr „roter Teppich“ ist bunt, sie werfen ihre Kleidungsstücke auf den Weg, den Jesus nehmen wird. Und was den Mächtigen Standarten und Fahnen sind, sind bei dem Volk keine gelben Warnwesten, sondern sattes Grün: Sie hieben Zweige ab. Der Evangelist Johannes redet hier von Palmenzweigen. Das ist wie ein Transparent, denn dieses immerwährende Grün ist das Symbol der Freiheit schlechthin.

Schließlich auch noch Sprechchöre: Hosianna! O Herr, hilf doch!
Das ist der flehentliche Schrei derer, die am Ende ihrer eigenen Möglichkeiten sind.

Sie setzen ein, was sie haben: Ihr Körper spärlich bekleidet, ohne Rüstung und Waffen, ihre Stimmen mit den kämpferischen Pessach-Psalmen auf den Lippen: Macht die Tore weit, dass der Herr der Heerscharen einziehe! Ihr Hosianna ist Siegessehnsucht.

Eine hochgeladene, brisante politische Stimmung im Jerusalem vor knapp 2000 Jahren. Wen wundert’s, dass Statthalter und Kultwächter die Nerven verloren und ihn ans Kreuz schlugen?

Advent:
Der hochgepriesene und bald dem Henker überlassene Befreier Gottes zieht in die Wohnzimmer des Jahres 2018. Dort werden die Sterne an den Fenstern befestigt, die erste Kerze am immergrünen Adventskranz entzündet. Manch einer kann es nicht erwarten und baut schon Weihnachtspyramide und Krippe auf.

Was findet der sanftmütige König vor?
Menschen, die das Gefühl der Ohnmacht täglich erleben. Und die anderen, die meinen, sich ihrer Macht bewusst sein zu dürfen.

Im Großen: Saudi Arabien schämt sich offenbar nur wenig, einen unliebsamen Journalisten in seinem türkischen Konsulat umgebracht zu haben. Russland lässt ziemlich offenkundig wieder mal seine Muskel spielen und versperrt der Ukraine den Zugang zum wichtigen Hafen in Mariupol im Norden des Asowschen Meeres. Die USA werfen Tränengasgranaten auf mexikanisches Staatsgebiet.

Die ersten Leidtragenden: Eine Frau, die nicht einmal weiß, wo der Leichnam ihres Verlobten hingekommen ist. Matrosen, die verletzt und gefangen genommen werden. Frauen und Kinder, die nicht wissen, wohin sie vor dem Gas fliehen sollen.

Im Kleinen:
Ja, wo steht Ihr?
Wohin gehört Ihr in diesem Jahr? Zu den Unglücklichen oder den Glücklichen? Den Ohnmächtigen oder Mächtigen? Oder lebt Ihr irgendwo dazwischen, gewissermaßen zwischen Baum und Borke?

Und was hat ER Euch zu bieten?
Der Christus im Stall auf seinem Weg zum Kreuz? Der, dessen ewigen Advent wir erwarten? Der, dem Menschen, am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen, das „Hosianna“ – Herr, hilf doch! entgegenrufen? Der König, der mangels Bett in einem Futtertrog geboren wird, dessen Machtinsignien Dornenkrone, Spottmantel, Spottzepter und das Kreuz als Thron werden?

Diese beiden Fragen sind Adventsfragen. Wer sie sich stellt und für sich zu beantworten sucht, wird auch in diesem Jahr wirklich einen Grund haben, wieder Weihnachten zu feiern.

Wer sich diesen Fragen nicht stellt, wird nur ein paar freie Tage erleben können, gut essen und Geschenke austauschen- wie „alle Jahre wieder“.

Die Antworten auf die Adventsfragen kann auch niemand vorgeben, sie brauchen das persönliche Bemühen jedes Einzelnen von uns. Denn was würde es Euch nützen, wenn ich oder jemand anderes Euch sagen würde, wo Ihr gerade steht?

Und was würde es Euch helfen, wenn ich oder jemand anderes jetzt theologische Richtigkeiten weitergäbe, die Ihr entweder sowieso schon kennt oder die ihr noch nie verstanden habt?

Wo stehst du?
Was hat Christus dir zu bieten?
Redet darüber. Mit Euch selbst und denen, die euch nahe sind. Vielleicht wird das Gespräch schmerzlich sein. Aber die Adventszeit ist ja Zeit des Nachdenkens, der Richtungskorrektur. Die Alten reden von Umkehr, Buße, und die Farbe ist Violett.

Doch wenn euch das Gespräch in die Wahrheit führt, dann wird Weihnachten ein Fest. Ihr werdet sehen: Ihr werdet den guten Grund finden, Weihnachten zu feiern. So wie viele Menschen vor euch diesen Grund gefunden haben. Seit 2018 Jahren, alle Jahre wieder. Und nach euch finden werden. Denn:

Die Liebe Gottes, die größer ist als all unser Denken es fassen kann, bewahrt unsere Herzen und Sinne auch in dieser Adventszeit. AMEN

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