Die Erwählung (5. Mose 7, 6-12)

Thema dieses sechsten Sonntages nach dem Trinitatisfest ist die Taufe. Auch nach der neuen Perikopenordnung, die wir gerade erproben. Tagesevangelium bleibt Matthäus 28, der „Taufbefehl“ „Matthäi am Letzten“,  wie viele Konfirmanden der älteren Generationen noch gelernt haben. Und auch das Wochenlied singt thementreu „Ich bin getauft auf deinen Namen“.

Der besondere Blickwinkel, der besondere Aspekt heute: Die Erwählung. Denn wer von dem Gott redet, den die Heilige Schrift bezeugt, redet vom erwählenden Gott. In beiden Teilen unserer Bibel ist von dem die Rede, was unser Wochenlied am Beginn der zweiten Strophe so auf den Punkt bringt: „Du hast zu deinem Kind und Erben, mein lieber Vater, mich erklärt“.

Was aber hat diese „Adoption“ für Folgen? Man könnte so ein Erbe schließlich auch ausschlagen. Anders als das Erbe, das man durch die Gene seiner Eltern in sich trägt. Mit dem wird man sich engagieren müssen, ob man will oder nicht. Ich weiß, wovon ich rede, und ihr werdet das auch wissen. Meine Schwägerin kann dreimal soviel essen wie ich, ohne dass man ihr das ansieht. Mein Erbe ist, dass ich das nicht kann.

Aber wenn mir jemand ein Haus vererbt oder Geld oder was auch immer, dann kann ich das Erbe ausschlagen und nicht antreten. Das kann sehr sinnvoll sein, zum Beispiel wenn das Erbe hoch verschuldet ist. Das muss ich mir nicht antun.

Also: Wie ist das mit der Erwählung durch Gott? Ein Erbe, dass anzunehmen sich lohnt?

Im 5. Buch Mose Kapitel 7 ab Vers 6 wird Mose in einer Rede zu Israel sagen:
6Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Das war ganz schön viel auf einmal, darum jetzt noch einmal in kürzen Abschnitten:

6Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,

Das kleinste Volk erwählt unter allen Völkern zum Volk des Eigentums. Das hat Israel immer ausgemacht, bestimmt seine Identität bis heute: Dass Israel aus der Welt der Völker von dem einen Gott zu seinem einen Volk erwählt wird. Das macht Israel heilig. Die Begegnungen mit seinem Gott machen es heilig.

Die beiden Verben dabei sind „annehmen“ und „erwählen“. Es sind keine religiösen Begriffe, sondern ganz alltägliche Worte, die hier große Bedeutung erlangen.

„Annehmen“, im Hebräischen hasak, meint „sich an jemanden hängen“. Und das hebräische bachar bedeutet „wählen“ oder „erwählen“. Hier geht es also um keinen umgehängten Orden, keinen aufgesetzten Lorbeerkranz. Und doch geht es um eine große Sache: Gott wählt sich ein Volk. Und weiter im Text:

8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

Weil Gott liebt, erwählt er. Damit ist sein Motiv genannt. Und es wird in Erinnerung gebracht, dass Gott liebt, seit Menschen ihn kennen: Seit den Begegnungen bei der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. So will er in Freiheit handeln, so hat er gehandelt, so handelt er. Denn Gott hält seinen Bund. Bis heute.

Gott könnte auch anders. Er weiß die, die in hassen, in die Schranken zu weißen. Aber das ist hier nur am Rande erwähnt. Um im Blick behalten, dass es zu nichts Gutem führen kann, Gott zu hassen.

Thema für Mose ist nicht, über die ANDEREN zu reden. Anderen den Tod an den Hals zu wünschen. Thema für ihn ist vielmehr, dass sich SEIN Volk der Erwählung Gottes auch würdig erweisen möge.

Denn Heiligkeit ist eine Sache der Beziehung. Man kann aus dieser Beziehung, aus der Heiligkeit auch herausfallen. Deshalb ist es alles andere als ein Zufall, dass Mose die Mahnung zum Halten der Thora anschließt:

11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Mose macht noch einmal deutlich: Die Erwählung durch Gottes
kann kein Anlass zur Überheblichkeit sein. Sie bedeutet nicht, einen besonderen Verdienst zu haben, auf dem man sich zeitlebens ausruhen könnte, sondern zu dienen. Erwählung ist ein Geschenk, eine Gabe, die zur Aufgabe wird.

Weil die Heiligkeit eine Sache der Beziehung zwischen JHWH und Israel, zwischen Mensch und Gott ist, gilt aber auch:

Diese Beziehung muss es überhaupt GEBEN. Der einzige Vorteil, den Israel hat: Es kennt diesen Gott. Es kann mit ihm eine Beziehung eingehen. Darum kann Israel heilig sein, ein Vorbild werden. An Israel wird die Liebe Gottes zu den Menschen erkennbar.

Genau das aber schließt die Liebe Gottes zu den anderen Menschen auf der Welt nicht aus, sondern ein. Dieses Wissen ist in Israel auch immer präsent, lebendig gewesen. Es mag hier und überall arrogante Menschen geben, die sich auf Herkunft und Erwählung etwas „einbilden“, andere darum geringer achten.

Gottes Wort aber holt immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wie wir gerade in den letzten Sonntagen im Jonabuch lesen konnten. Gottes Liebe kennt keine Grenzen – keine politischen, keine religiösen. Selbst schlechtes Benehmen seiner Geschöpfe hält ihn nicht ab, sich den Menschen zuzuwenden – denkt an Jona und die Geschichte mit dem Rizinus („So war das mit dem Wal“ 1-3).

Israel ist also Gottes Eigentum als Vorbild, als sichtbares Symbol für die Menschheit. In diesem Sinne ist es sein erwähltes Volk.

Johannes Calvin hat sich mit dem theologischen Gedanken der Erwählung regelrecht abgequält. Denn einerseits freut er sich darüber, dass Gott mit der Erwählung dem Menschen das Heil bringt. Und dass dieses Heil aus reiner Freundlichkeit Gottes kommt.

Andererseits aber wird ihm dieser Gedanke zu einem „furchtbaren Ratschluss“. Denn was wird aus den anderen?  Calvin kann die Erwählung nicht ohne die Verwerfung denken. Er schreibt:

„Gott hat in seinem ewigen und unwandelbaren Ratschluss einmal festgestellt, welche er einst zum Heil annehmen und welche er andererseits dem Verderben anheim geben will“.

Ich glaube, dass Calvin das oft die Freude am Christsein sehr schwer gemacht hat. Und ich denke, dass zwei Dinge dieser später so genannten „Prädestinationslehre“ widersprechen:

Gott „hassen“ kann doch nur, wer irgend eine Beziehung zu ihm hat oder wenigstens hatte. Der ihn also wenigstens kennengelernt, eine Geschichte mit ihm hat.

Ich persönlich aber kenne nicht einen Menschen, der meinen Gott hasst. Ich kenne viele, die Gott überhaupt nicht kennen. Ich kenne viele, denen Gott gleichgültig ist. Die behaupten, Gott zu hassen, aber nicht von dem Gott reden, von dem die Bibel redet.

Und dann zweitens: Ich glaube fest, dass Gott durch das Kreuz seines Sohnes Jesus Christus Tod und Verdammnis auf SICH selbst nimmt, damit ICH frei und selig werden kann. Solange ich lebe, bleibt meine Geschichte mit Gott darum eine Geschichte mit offenem Ausgang. Eine Geschichte, an der ich selbst schreiben kann.

Der Gedanke der Erwählung beschreibt die unendlichen Möglichkeiten, die Gott meinem Leben zu schenken bereit ist. Und wenn ich mir das klar mache: Warum sollte ich mich aus der Erwählung Gottes entfernen, die Beziehung zu Gott beenden?

Meine Schwestern, meine Brüder:

In der Taufe handeln nicht wir Menschen. Gott handelt. Er gab uns den Auftrag dazu. In der Taufe sagen nicht wir Ja zu Gott, sondern Gott sagt Ja zu uns. Er „hängt sich“ an uns, er „erwählt“ uns – nicht umgekehrt.

Wie schön das ist, habe ich einmal mehr begriffen, als mir in meiner letzten Gemeinde eine 75jährige Frau erzählte, dass sie vor einigen Jahren eigens auf eine Urlaubsfahrt mit Mann und Kind verzichtet habe, nur um bei sich zu Hause ein Ferienkind aus Ungarn aufzunehmen.

Sie hatte ihre genauen Vorstellungen, wünschte sich einen kleinen, schwarzharigen Jungen mit pfiffigen Augen und hatte das sogar so zu Protokoll gegeben.

Aber wen bekam sie bei Ankunft der Gruppe? Judith, ein langes, blondes Mädchen. Meine Gesprächspartnerin war enttäuscht, ging sogar zur Leiterin und fragte, warum ihr Wunsch nicht erfüllt würde.

Die Antwort der Leiterin „Wissen sie, das habe ich ganz spontan entschieden. Wie die Kinder aus dem Zug stiegen, da hatte Judith vor sich hingesprochen: Die Frau da, die sieht lieb aus. Zu der will ich!

Und meine Gesprächspartnerin sagte:  „Seit ich das wusste, war alles anders. Denn da standen auch andere, die Taschen voller Geschenke, das dicke Auto vor dem Haus. Aber mich alte Frau hat sie gewollt. Darum war ich so glücklich mit dem Mädchen. Denn ich habe plötzlich verstanden, dass nicht ich jemanden gewünscht habe, sondern dass mich jemand gewünscht hat.“

Darauf kommt es an: Nicht, dass wir Gott wünschen, sondern dass er sich uns wünscht. Auf unsere Taufe kommt es an.

Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sind die Taufgeschenke – diese Wahl sollten wir annehmen.
Amen.

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