Das Ziel im Auge behalten (1 Kor 7 29-31)

Wir suchen
Wege zu Gott
darum sind wir hier
oft aber gehen wir
Wege von ihm weg
Tag für Tag
Woche für Woche
langsame Wege
aber auch schnelle
wie sollen wir handeln
wohin sollen wir gehen

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist
und was der HERR von dir fordert,
nämlich Gottes Wort halten
und Liebe üben
und demütig sein vor deinem Gott.
Micha 6,8
***
Was werdet ihr demnächst anziehen, wenn ihr einen Winterspaziergang macht? Badesachen, Bademantel und Gummischlappen, weil dieser Sommer nicht einmal im Herbst ein Ende zu nehmen scheint? Dieser Winterspaziergang hätte schnell seinen Reiz verloren. Es macht auch nicht unbedingt Sinn, im Trainingsanzug zu einem Rendezvous zu gehen. Oder mit dem Auto zum Bäcker nebenan zu fahren. Man schießt nicht mit einer Kanone auf Spatzen und man lobt den Tag nicht vor dem Abend.

All das ist sicher nicht verboten – man dürfte es tun. Nur würde man damit kaum etwas von dem erreichen, was man erreichen wollte. Es wäre nicht zielführend.

„Zielführung“ ist eine wichtige Sache im Leben: Wenn man ein Ziel erreichen will, muss man wissen, wo es liegt und überlegen, wie man es erreichen kann. Auch im zwischenmenschlichen Miteinander ist das wichtig. Denn wenn man das Ziel eines anderen erkennen kann, versteht man besser, was den anderen gerade antreibt, was ihm wichtig ist.

Ich erinnere mich, dass zu Kinderzeiten Sonntagsspaziergänger um halb Zehn durchaus verschiedene Absichten hatten, die ich ihnen von außen auch ansehen konnte: Traf ich welche mit Gesangbuch in der Hand, war ich mir sicher, dass ich sie im Gottesdienst wiedertreffe, die mit einem Hund an der Leine dagegen nicht. Nur um ein sehr äußerliches Beispiel zu nennen.

Was ich tue oder lasse, manchmal sogar wie ich aussehe, orientiert sich an dem Ziel, das ich gerade verfolge. Eine Wahrheit, die heute genauso gilt wie vor zweitausend Jahren.

Das Ziel Jesu in der Evangelienlesung vorhin (Mk 10, 2-12) zum Beispiel war die unmissverständliche Beantwortung der Frage, die ihm die Pharisäer gestellt hatten- unter welchen Umständen eine Ehescheidung aus seiner Sicht vertretbar sei.

Dazu ist Jesu Haltung eindeutig und für viele Zeitgenossen provokant: Ehescheidung ist nicht im Sinne der Liebe Gottes. Sie ist euch nur wegen eurer Uneinsichtigkeit von Mose gestattet worden.

Ich bin mir sicher, dass diese Antwort an den Fragenden nicht spurlos vorbeigegangen ist. Zum einen an den Theologen, die sich damals schon um die Unterscheidung von Menschenwort und Gotteswort in der Bibel gerungen haben. Denn Jesus sagt klar: Diese Regel ist nicht von Gott, sondern von Mose.

Zum anderen bei den Menschen, die DIE Regeln infrage gestellt sahen, nach denen sie leben wollten. Sie bekommen zu hören: Gott hat die Menschen dazu bestimmt, in Liebe füreinander zu leben. So etwas kann man nicht beenden.

Das Ziel der Fragesteller war die Klärung einer Regel des Zusammenlebens der Menschen im Alltag. Daran ist nichts Schlechtes, denn Regeln müssen lebendig sein, wenn man möchte, dass sich die Menschen danach richten, zumindest in der Mehrheit.

Das Ziel der Fragesteller aus Korinth, auf die Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde reagiert, ist dagegen kein so kurzfristiges, auch kein diesseitiges. Das ist wichtig zu bedenken, wenn man diese Zeilen nicht missverstehen will.

Den Fragestellern ging es um Jenseitiges, also um das, was nach dieser Welt kommt. Und damit um etwas, was für sie sogar noch wichtiger ist als diese Welt. Ihnen ist klar, dass wir diese Welt nur als Gast bewohnen. Und was nach diesem Leben zu erwarten sein wird, wird das sein, was dieses Leben überdauert, was dieses Leben also auch relativiert.

Gerade darum bestimmt das, was nach dem weltlichen Ende kommen wird, nicht nur eine ferne Zukunft, sondern sie bestimmt das JETZT. Sowohl für die kurze Lebensdauer des Menschen als auch für die gefühlt „ewige“ Lebensdauer der Erde, auf der wir leben. Denn das ist doch klar: Ist mein Lebensziel die Ewigkeit Gottes, lebe ich jetzt schon anders als jemand, für den sein Tod das Ende ist.

Theologie beschäftig sich darum schon immer mit der „Lehre von den letzten, den äußersten Dingen“, genannt „Eschatologie“. Dabei meint „letztes“ nicht einfach nur etwas, was wir als letztes erleben können, sondern vor allem, was wir als letztes, als äußerstes und höchstes vorstellen, fassen, überhaupt denken können.

Es geht also nicht einfach um einen Begriff der Zeit, sondern um einen der Qualität. So wie das Bild, dass Verstorbene „in den Himmel“ kommen, nicht einfach das Bild eines Ortes ist, sondern ein Bild der Nähe zu Gott.

Die Fragen zur Eschatologie, die Paulus gestellt sind, sind also Fragen danach, wie sich Menschen verhalten sollen, die sich mit ihrem Leib UND ihrer Seele auf die Wiederkunft Christi einstellen wollen.

Nun wird der Tag der Wiederkunft Christi wird auch der Tag sein, an dem die Menschen danach gefragt werden, warum sie etwas getan oder gelassen haben. „Von dort wird er kommen, zu richten…“ – auch wenn mach einer von uns diesen Teil des Glaubensbekenntnisses nicht eben gern spricht: Er ist Ausdruck der Überzeugung, dass es Gott eben NICHT egal ist, was wir hier auf dieser Welt tun oder lassen. Dass also einmal Gerechtigkeit sein wird, die diese Welt nie erleben kann.

Wie sollen wir also leben? fragen die Korinther Paulus. Hat es überhaupt noch Sinn, sich um Äußerliches zu kümmern? Ob der Garten in Ordnung ist, der Putz am Haus ausgebessert, die Wäsche gewaschen ist?

Ja, ist es überhaupt sinnvoll, einer geregelten Arbeit nachzugehen, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, zu heiraten und eine Familie zu gründen? Kann all das denn eine Rolle spielen, wenn es um die letzten, die höchsten denkbaren Dinge geht? Also um das Reich Gottes, die heilige Kirche, das ewige Leben?

Und Paulus antwortet Kapitel 7 ab Vers 29:
29 Eins ist sicher, Geschwister:
Es geht immer schneller dem Ende zu.
Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt,
beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt;
30 beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein
und beim Fröhlichen nicht die Freude.
Wer etwas kauft, soll damit so umgehen,
als würde es ihm nicht gehören,
31 und wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht,
darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen.
Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt
ist dem Untergang geweiht.

„Es geht immer schneller dem Ende zu“, Luther übersetzt: „Die Zeit ist kurz“. Und da ist es egal, ob man glaubt, dass die Menschen diese Erde schon „vor der Zeit“ zum Untergang gebracht haben werden oder ob sie vergeht, wenn unsere Sonne verglüht. Es ist egal, ob man mit einem frühen Tod rechnet oder über hundert Jahre alt wird.

Wer mit Gottes Ewigkeit rechnet, der sagt glaubt, dass die Größe seiner Ewigkeit ALLES ist, die Tage unseres Seins auf dieser Erde dagegen wie ein Sandkorn am Strand. Die Zeit ist kurz. Hier geht es nicht um die Frage der Dauer, sondern um Qualität.

DARUM rät Paulus, so zu leben, dass die Dinge dieser Welt das Leben nicht gefangen nehmen. NICHTS von dieser Welt soll das Leben regieren. Die Ehe nicht, die Trauer nicht, die Freude nicht, aller Besitz und Wohlstand nicht, zusammengefasst: Man solle die Welt gebrauchen, als brauchte man sie nicht.

Kaufen, als behielte man es nicht: Vielleicht ist es gerade dieses Bild in der Reihe, an dem man am besten sehen kann, was Paulus klarmachen will. Denn völlig egal, was immer wir für Geld oder eine Gegenleistung eintauschen: Es hat keine ewige Bedeutung, keinen bleibenden Wert, nichts, das wir in den Taschen des letzten Hemdes mitnehmen könnten, wenn es auf den Weg in Gottes Nähe, in seinen Himmel geht.

Von den Kleidern scheiden uns neue Kleider oder spätestens die Motten, von den Autos die Fahrverbotszonen oder spätestens der TÜV, selbst das zeitlose ewige Gold hat seine Bedeutung nur dann, weil man es für die Sicherheit des Augenblickes wieder hergeben, eintauschen kann. Sonst ist es nur Schmuck, ein Wertgegenstand im Tresor, der Klumpen, der Hans im Glück schwer auf den Schultern lastet.

Paulus ist überzeugt: Der ganze Mensch mit Leib und Seele, mit Familie, allem Hab und ganzem Gut gehören nicht ihm persönlich, sondern allein Christus. Der ganze Mensch gehört Gott und dient zu Gottes Verherrlichung. „Ihr seid teuer erkauft, darum preist Gott mit Eurem Leibe!“ So kurz vorher im Brief (6,20).

Jeder Tag, jede Stunde ist dann dazu da, sie so zu gestalten, wie es dem Willen Gottes entspricht. Dass bedeutet aber auch, dass Ewigkeit nicht entwertet, sondern das Ziel bleiben muss, für das zu leben sich lohnt. Wenn Menschen immer neu begreifen, dass sie NOCH schöner sein wird als alles, was wir Menschen schon auf dieser Welt von Gott geschenkt bekommen.

Ostersehnsucht, wirkliche Sehnsucht auf ein LEBEN NACH diesem Leben kann doch nur der haben, der schon an diesem Leben gespürt hat, dass Gott es nur gut meinen kann mit uns. Der diese Welt und das, was wir auf ihr erleben können, als Abglanz dessen entdecken durfte, was bei Gott noch zu erwarten ist.
Der die Freiheit, die Gott uns Menschen schenkt, nicht als Last empfindet, sich ständig entscheiden zu müssen, sondern als die große Möglichkeit, sein Leben auszukosten und so zu leben, dass es ihn und die, die mit ihm leben, glücklich macht.

Ja, „es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Micha 6,8; Wochenspruch). Aber nirgends in der Schrift werden wir das Patentrezept finden, dessen Zutaten wir einfach in den Lebenskochtopf tun müssten, so dass gottgefälliges Leben für alle herauskäme. Paulus rät: Lebe so, dass du Gottes Ewigkeit nie aus dem Blick verlierst.

Meine Schwestern, meine Brüder,

der Rat des Paulus ist für alle Zeit dieser Welt, egal ob sie lang oder kurz sein wird, ein wertvoller Rat. Auch für die Lebenszeit eines jeden von uns. Er hebt den Blick und weitet den Horizont, indem er nicht nur bis zum Ende dieses Lebens sieht. Die Dinge dieser Welt werden vergehen, die Ewigkeit Gottes sollte darum das Ziel sein, das wir nicht aus den Augen verlieren.

Das hat Bedeutung für jeden Tag, den wir hier haben. Wir können das Leben, das uns geschenkt ist, mit allen Höhen und Tiefen leben – aber wir müssen uns von ihm nicht BESTIMMEN lassen.

Es ist wunderbar, in einer Familie leben zu dürfen, die durch Dick und Dünn miteinander geht. Sie kann zu einem Glück im Leben werden, das selbst schwerste Krankheit und Tod ertragen lässt. Wer aber nur noch für diese Familie lebt, verliert die Sensibilität für Menschen außerhalb dieser Familie und vor allem Gott aus den Augen. Gleiches gilt für die Arbeitsstelle, die Freude, die Trauer, den Wohlstand, kurz alles, was das Zeug dazu hat, zu einem Gott zu werden, also unser Leben zu bestimmen. Eine Krise in der Familie oder in der Arbeitsstelle oder auf den Kapitalmärkten würde dann automatisch zu einer Krise des eigenen Lebens – das aber kann Gott für unser Leben nicht wollen.

Diese Welt gebrauchen, als bräuchten wir sie nicht. Sie als das begreifen, was sie ist: Ein Abglanz der Ewigkeit Gottes, die unser Ziel ist. Das einzige Ziel, von dem wir unser Leben BESTIMMEN lassen sollten. Weil es das einzige Ziel ist, was uns frei von aller Enge leben und sterben lässt.

Ein Tourist darf in einem Kloster bei Karthäusermönchen übernachten. Er ist sehr erstaunt über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen und fragt die Mönche: Wo habt Ihr Eure Möbel? Schlagfertig einer der Mönche: Ja, wo haben Sie denn ihre? Meine? erwidert darauf der Tourist verblüfft. Ich bin ja nur auf der Durchreise hier! Eben sagt der Mönch, das sind wir hier alle.

Leben auf der Durchreise in die Ewigkeit Gottes: Sie ist uns so nahe wie nie. Sie sollte unsere Tage bestimmen, egal ob es viele oder wenige sein werden.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
werden unsere Leiber und Seelen aufbewahren
auf unserer Durchreise in Gottes Ewigkeit.
AMEN

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