Das wertvollste Geschenk

(1. Pet 2, 2ff)

Wenn frisch gebackene Eltern zum Taufgespräch zu mir kommen, ist ihnen der Stolz eigentlich immer ins Gesicht geschrieben. Auch der Stolz über so manche durchwachte Nacht.

Was haben junge Eltern nicht alles geschafft: Die Geburt haben sie hinter sich gebracht, und glaube ich manchen Vätern, ging es ihnen bei der Geburt wesentlich schlechter als ihren Frauen.

Zweitens ist die Zueignung geschafft: Das Kind, dieses neue Leben, gehört inzwischen zur Familie. Es hat nicht nur seinen eigenen Namen. Auf den hatten die Eltern sich ja schon Monate vor der Geburt geeinigt. Noch wichtiger ist: Der Nestbau ist geschafft. Das Kind hat seinen eigenen Platz in der gemeinsamen Wohnung. Tapete, Schlafstatt, Gemütlichkeit – alles passt.

Und da aller guten Dinge meistens drei sind, fehlt jetzt nur noch das Dritte: Die Taufe. Wenn man dann fragt, was die Taufe für die Eltern sei, hört man das vielleicht wichtigste fast immer zuerst: Ein Segen. Ein Segen für das Kind, das behütet und beschützt aufwachsen soll.

Wie aber funktioniert dieser Segen? Wie hält er, bis zum Ende? Wie ist dieses erste Sakrament zu verstehen, bei dem SICHTBAR doch nichts weiter geschieht, als dass ein Mensch drei Mal mit Wasser übergossen wird? HÖRBAR nicht mehr, als dass dies auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes geschieht?

Da hilft im Gespräch immer unser Episteltext aus dem Römerbrief (Kap. 6, 3-11). Schöne Bilder hat uns Paulus da geschenkt. Wir sind durch Christi Tod dem alten Leben gestorben. Wir sind Christus auch in seiner Auferstehung gleich. Unser Leben – ein Leben, dass der Macht des Todes ein für alle Mal entzogen ist.

Gott schenkt dem Täufling persönlich all das, was am Karfreitag und Ostersonntag geschah. Er sieht nicht nur auf alle Menschen – er kennt diesen einen Menschen. Er kennt ihn mit seinem Namen.

All das unabhängig vom Alter oder von der persönlichen Glaubens- Entscheidung des Menschen: Gott verschenkt seine Taufe. Das ist doch schon mal ein guter Anfang für ein Leben, das gelingen soll.

Aber wovon lebe ich als getaufter Mensch? Was brauche ich, dass der Segen der Taufe mein Leben wachsen lässt? Nicht nur zu Beginn, sondern immer weiter?

Auf diese Frage gibt der erste Petrusbrief eine Antwort. Dort heißt es im zweiten Kapitel ab Vers 2, ich lese aus der Neuen Genfer Übersetzung:

„2 Genauso, wie ein neugeborenes Kind auf Muttermilch begierig ist, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf diese unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst, bis das Ziel, eure endgültige Rettung, erreicht ist. 3 Ihr habt von dieser Milch ja schon getrunken und habt erlebt, wie gütig der Herr ist.“

Ein Säugling, der einmal Milch geschmeckt hat, weiß, woher seine Nahrung kommt. Der lässt von da ab nicht mehr locker. Sobald Brust oder Flasche in die Nähe des Mundes kommen, gibt es kein Halten mehr. Da hat alles Schreien und Ärgern ein Ende, kehrt Ruhe ein, beginnt Genuss.

Ein schönes, verständliches Bild für das Verhältnis zwischen Mensch und Evangelium. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, der kann nicht mehr davon lassen. Wer es sich einmal hat auf der Zunge zergehen lassen, der weiß: Es ist lebenswichtig für mich. Es ist wie die Milch für den Säugling. Das Evangelium lässt mich leben, lässt mich wachsen, lässt mich genießen.

Soweit zur Geburt das Glaubens. Wie ist es hier aber um den Nestbau bestellt? Wo finde ich Heimat nach meiner Neugeburt? Wo ist mein Platz in dieser großen Welt?

Petrus schreibt weiter:

„4 Kommt zu ihm*! [*gemeint ist Christus] Er ist jener lebendige Stein, den die Menschen für unbrauchbar erklärten, aber den Gott selbst ausgewählt hat und der in seinen Augen von unschätzbarem Wert ist. 5 Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist. Lasst euch zu einer heiligen Priesterschaft aufbauen, damit ihr Gott Opfer darbringen könnt, die von seinem Geist gewirkt sind – Opfer, an denen er Freude hat, weil sie sich auf das Werk von Jesus Christus gründen.
6 Gott sagt ja in der Schrift: „Seht, ich verwende für das Fundament auf dem Zionsberg einen Grundstein von unschätzbarem Wert, den ich selbst ausgewählt habe. Wer ihm vertraut, wird vor dem Verderben bewahrt werden.““

Meine neue Heimat: Eine geistliche Heimat. Ein Raum, wo mein Denken, mein Fühlen, mein Träumen, mein Hoffen, mein Zweifeln und mein Fragen ein Zuhause finden.

Dieser Raum ist wie der Kölner Dom: Eine ewige Baustelle. Mit jedem neuen Menschen, der hinzukommt, fügt sich ein neuer Stein in den Bau ein. Hier findet jeder Mensch seinen Platz.

Hier wird ein Raum gebildet, der Schutz, Geborgenheit und Halt erfahren lässt. Hier wächst eine Gemeinschaft, die Raum zum Leben gibt.

Dieser Raum ist aber gleichzeitig offen für meine Individualität. Er ist nichts Abgeschlossenes und Festes. Hier hat vieles Platz. Einzige Ausnahme: Der Grund- und Eckstein ist nicht austauschbar, er ist Jesus Christus selbst. Er ist das lebendige Fundament dieses Hauses des Lebens.

Aber warum gilt es nicht für jeden Menschen, dass er zu diesem Haus gehören will? Jeder Mensch braucht doch die Muttermilch- warum glaubt dann nicht jeder?

Petrus schreibt dazu über den Eckstein weiter:

„7 Euch also, die ihr glaubt, kommt der Wert dieses Steins zugute. Doch was ist mit denen, die an ihrem Unglauben festhalten? Es heißt in der Schrift: „Der Stein, den die Bauleute für unbrauchbar erklärten, ist zum Eckstein geworden.“ 8 Und an einer anderen Stelle heißt es: „Es ist ein Stein, an dem sich die Menschen stoßen, ein Fels, an dem sie zu Fall kommen.“ Sie stoßen sich an diesem Stein, wie es allen bestimmt ist, die nicht bereit sind, Gottes Botschaft Glauben zu schenken.“

Der Glaube an den dreieinen Gott ist Geschenk, wie schon Taufe ein Geschenk ist. Geschenke kann man nicht erzwingen, man bekommt sie. Niemand kann gezwungen werden, Geschenke zu nutzen. Bücher stauben in den Regalen ein, Klaviere stehen verstimmt an einer Wand, Sammeltassen verschwinden im Keller und tauchen irgendwann bei eBay wieder auf.

Ob einer sein Taufgeschenk nutzt oder einstauben lässt, ist Schicksal, das in Gottes Hand liegt – nicht in unserer. Auch wenn uns das schmerzt, ist es doch so wie eigentlich alles im Leben, was wichtig ist:

Wir haben es nicht in der Hand, wir bekommen es nicht in die Hand. Aber wir sind glücklich, wenn wir es geschenkt bekommen haben.

Um dieses Glück geht es, wenn Petrus weiter schreibt:

„9 Ihr jedoch SEID das von Gott erwählte Volk; ihr SEID eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. 10 Früher wart ihr nicht Gottes Volk – jetzt SEID ihr Gottes Volk. Früher wusstet ihr nichts von seinem Erbarmen – jetzt hat er euch sein Erbarmen ERWIESEN.“

Wer das Glück hat, die unverfälschte Milch des Glaubens zu genießen, wer das Glück hat, dieses Geschenk Gottes für sich entdeckt zu haben, wer das Glück hat, einen Platz in diesem Leben gefunden zu haben, der nicht einmal im Tod verloren geht: Der soll von diesem Glück REDEN.

Anderen Menschen davon erzählen, sie anstecken. Das liegt an uns. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer sein Glück mit- teilt, lässt es wachsen. Wer es für sich behält, lässt es verkümmern, auch für sich selbst. Das Amt der Paten – das Amt der Christenheit.

Meine Schwestern, meine Brüder:

So groß redet die Bibel von einem Leben durch die Taufe – unter uns aber führt sie oft ein Schattendasein.

„Nachwuchs im Sinne unserer Kirche entsteht durch die Taufe. Taufe ist Aufnahme in eine Gemeinde,…“ so oder ähnlich hören oder lesen wir es immer wieder.

Das ist eine sehr problematische Feststellung. Sie stimmt bestenfalls kirchenjuristisch. Der Eintrag ins Taufbuch begründet bei uns eine Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuerpflicht.

Aber stimmt es auch theologisch? Ist Taufe Nachwuchsritual?

Sicher: Jede und jeder, der glaubt, wird auf den Segen der Taufe nicht verzichten wollen. Aber glaubt er nur dann, wenn er getauft worden ist?

Tun wir Recht daran, Taufe und Kirchenmitgliedschaft in einen Topf zu werfen? Es im Taufbuch zu vermerken oder gar den Namen dort zu streichen, wenn er aus der Kirche austritt? Was hat ein Kirchenaustritt überhaupt mit der Taufe zu tun?

Und hat er immer etwas mit dem Glauben zu tun? Hat jeder den Glauben verloren, der den Glauben an die Kirche verloren hat?

Über all das und noch viel mehr lässt sich lange und tiefgründig diskutieren oder gar streiten.

Sicher aber ist, dass wir Menschen/ der Taufe keinen Gefallen tun, sie zum Kircheneintrittsritual verkommen zu lassen. Taufe ist etwas viel größeres als jedes Ritual, etwas, das Menschen weder schaffen noch in ihrer Hand haben.
Sie ist und bleibt Sakrament.
Aus ihr wächst unser Leben.

Es geht hier um jeden Tag unseres Seins. Es geht in unserem Leben als Getaufte/ um unsere ANTWORT.
Unsere Antwort auf das Geschenk der Taufe.
An jedem Tag, bis zum Tag unseres Todes.

WENN die Taufe Eingliederung ist, dann ist sie ZUERST Eingliederung in den Leib Christi. Und der ist größer als jede Menschenkirche es je sein kann.

Und wer sich selbst in diesem Leib findet, der weiß sein Leben auf gutem Weg.
Es wird zu einem Leben, dass eine Liebe entdeckt, die keine Grenzen kennt.
Das um die Unendlichkeit der Welt Gottes nicht nur weiß, sondern sie Tag für Tag erlebt – egal, ob ein Leben kurz oder lang ist.
In der Gemeinde Christi ist jeder Tag geborgen in Gott, aus dem wir leben.
Hier ist wahres Leben zu finden, von dem Luther einmal schrieb:

„Das Leben ist nicht ein FrommSEIN, sondern ein FrommWERDEN,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.

Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Es glüht und glänzt noch nicht alles,
es reinigt sich aber alles.“

So ist uns die Taufe ALLES:
Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.

Amen.

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