Buße wird Gerechtigkeit (Mt 3 13-17)

Jesus
Kind aus der Krippe
erwählt in der Taufe
standhaft in der Versuchung
Mensch aus Gottes Geist

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht
was sich außen abgespielt hat
sondern Verborgenes und Unsichtbares
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Welche der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Römer 8,14
***
Die Frage nach der Gerechtigkeit: Eine Grundfrage des Lebens. Vielleicht sogar DIE Grundfrage des Lebens schlechthin. Fühlt sich ein Mensch gerecht behandelt, geht es ihm gut – wenn nicht, geht es ihm schlecht.

Dabei kann man den Begriff „Gerechtigkeit“ gar nicht so definieren, dass alle Menschen mit dieser Definition einverstanden wären. Denn was die eine als gerecht empfindet, empfindet manch anderer als ungerecht.

Während ich es in Ordnung finde, beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht alle roten Figuren meiner Tochter rauszuwerfen, wenn der Würfel nun einmal würfelt wie er würfelt (was kann ich dafür !?), findet sie das „ungerecht“. Eben noch hatte sie alle Figuren im Spiel, nun muss sie ganz von vorn anfangen.

Geht es beim Spielen aber auch um das Spielglück und nur in zweiter Linie um Gerechtigkeit, wird es in anderen Bereichen des Lebens deutlich ernster.

Da wird ein Kollege befördert. Die einen finden das gerecht: Schließlich ist er meist freundlich und gut gelaunt und weiß, anzufassen. Dabei sucht er sich nicht nur die Lieblingsarbeiten, sondern packt an, wo es gerade Not tut – Hauptsache, bis zum Termin ist die Arbeit ordentlich erledigt.

Andere finden das ungerecht. Schließlich ist der Kollege als letzter in die Firma gekommen, und andere hätten die Gehaltserhöhung wahrlich dringender gebraucht als er. Außerdem ist er ziemlich arrogant, immer so von oben herab, und er ist nicht in der Gewerkschaft. Ist das denn ein Wunder, dass das jetzt auch noch von der Chefin belohnt wird? Vielleicht hat die sogar was mit dem?

Oder dieses Recht auf Eigentum. Natürlich ist es richtig, dass mir niemand etwas wegnehmen darf, was mir gehört. Aber ist es auch richtig, dass jemand nicht nur Millionen, sondern Milliarden Euro sein Eigen nennen darf? Wie ist er denn an die gekommen? Mit seiner Hände Arbeit? Kann es denn gerecht sein, dass der eine so dermaßen reich und ein anderer so bettelarm ist?

Gerechtigkeit, die für alle diesen Namen trägt und auch verdient, also eine absolute Gerechtigkeit, scheint es auf dieser Welt nicht zu geben. Da helfen auch keine Gerichte. Auch Richter können nämlich nur Recht sprechen, Gerechtigkeit schaffen können sie nicht.

Wer hätte denn schon erlebt, dass zwei gegnerische Parteien aus dem Gericht herauskamen und gesagt hätten: Das Urteil hat uns beide gerecht behandelt!? Fast immer ist es doch so: Eine Partei fühlt sich als Siegerin, die andere als Verliererin – und damit sich ungerecht behandelt.

Das ist in einem Rechtsstaat wie unserem so, und erst recht in totalitär regierten Staaten wie China oder Saudi-Arabien oder dem Iran, wo es dann auch noch mit der Freiheit (noch so ein Wort…) nicht zum Besten steht.

Gerechtigkeit.
Dieses Wort steht nicht nur mitten im Predigttext für heute, sondern es dreht sich auch eigentlich alles darum, selbst wenn es zunächst um die Taufe Jesu geht. Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus im 3. Kapitel ab Vers 13:

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach:
Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir?
15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm:
Lass es jetzt zu!
Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Da ließ er’s ihm zu.
16 Und als Jesus getauft war,
stieg er alsbald herauf aus dem Wasser.
Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf,
und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren
und über sich kommen.
17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Jesus will sich von Johannes taufen lassen. Der aber reagiert mehr als zurückhaltend. Und Jesus spricht in diese Zurückhaltung die zentralen Worte: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ In dem, was jetzt geschieht, soll also die Gerechtigkeit schlechthin „erfüllt“ werden.

Wie kann das gemeint sein? Warum überhaupt hat Matthäus den Bericht über die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer in sein Evangelium aufgenommen? Schließlich war sie für die junge Christenheit immer ein Stein des Anstoßes. Schon deshalb, weil Johannes zeitlebens nicht zum Jüngerkreis Jesu gehörte, sondern eigentlich immer als sein Konkurrent gesehen wurde.

Und wir heute haben es mit dieser Taufe ja auch nicht gerade leicht. Glauben wir Jesus Christus denn nicht als Sohn Gottes? Dazu noch als einzigen wahren Menschen ganz ohne Sünde?
Warum also sollte sich der einzig sündfreie Mensch, der Sohn Gottes, von Johannes haben taufen lassen? Und schließlich: Was hat diese Taufe dann für uns, die Gemeinde von heute, für Konsequenzen?

Um einer Antwort auf diese Fragen wenigstens näher zu kommen, lasst uns jetzt einen Blick auf das Szenarium der Jesustaufe und das Matthäusevangelium als Ganzes werfen. Beides zusammen kann weiterhelfen.

Am Jordan, einem manchmal seichten, oft schmutzigen Fluss, hat Johannes der Täufer Quartier genommen. Er predigt in der „Wüste von Juda“.

Man könnte meinen, er habe hier nur zu Steinen und Flechten zu reden. Aber es ist anders. Darin sind sich alle vier Evangelien einig: Johannes hat ganz offenbar etwas zu sagen, was die Menschen damals erreicht.

Und das ist die Buße. Die Neuausrichtung des eigenen Lebens. Und der Magnetpol dieser Neuausrichtung, also die Richtung, die der Lebenskompass nun künftig (wieder) anzeigen soll, ist Gott.

Kein neuer Gott, sondern der Gott der Mütter und Väter. Von einem Leben für ihn und mit ihm haben die Menschen sich mehr und mehr entfernt. Der Sund zwischen ihnen und Gott (also „die Sünde“) wurde immer breiter. Jetzt sollen sie das erkennen und einen sichtbaren Neuanfang mit Gott machen. Und dieser sichtbare Neuanfang ist die Johannestaufe im Wasser des Jordan.

Sichtbarer Neuanfang mit Gott:
Da ist es doch kein Wunder, dass der Täufer DIE Worte in den Mund nimmt, die der Christenheit bis heute auf der Zunge liegen:
Du, Jesus? Was willst Du hier? Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?

Und an dieser Stelle sagt Jesus: „Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“

Dieser Satz kommt für die Leser des Matthäusevangeliums völlig überraschend. Gerade noch hat Matthäus berichtet, das Joseph nach dem Kindermord und dem Tod des Herodes aus Ägypten nach Nazareth gezogen ist, um dort mit seiner Frau und ihrem Kind Schutz und Arbeit zu finden. Und danach werden ungefähr dreißig Lebensjahre Jesu einfach übersprungen. Denn WICHTIG ist für den Evangelisten nur der Beginn der Wirksamkeit Jesu als Prediger, Arzt und Seelsorger.

Und Jesu allererste Worte als Theologe, als Prediger sind im Matthäusevangelium eben die: „Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“

Genau darum erschließt sich dieser Satz nur aus dem Zusammenhang des gesamten Matthäusevangeliums. Wer es gelesen hat weiß, dass Jesus aus Nazareth mit jeder Predigt, jeder Heilung und allem, was er tut oder lässt, nichts weiter lebt als diese Neuausrichtung des Menschen-Lebens auf Gott hin. Und dass er dafür schließlich schuldlos ans Kreuz genagelt wird.

Und am Ende wird der Auferstandene in Matthäus 28 seinen Jüngern den Taufbefehl geben. „Matthäi am letzten“ haben die meisten von Euch im Konfirmandenunterricht ja noch auswendig gelernt: „Darum gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …“

Matthäus nimmt also am Ende seines Evangeliums das Geschehen der Taufe wieder auf, um es für die Gemeinde neu und fruchtbar zu machen.

Hier am ANFANG der Wirksamkeit Jesu aber steht der unerhörte Vorgang, dass Jesus sich überhaupt taufen lässt. Damit nimmt Jesus die alte Botschaft der Buße von Johannes auf und trägt sie selbst weiter. Und spricht diese ersten Worte und stellt klar: Für ihn gehören Buße und Gerechtigkeit unauflöslich eng zusammen.

Buße zu leben bedeutet doch: Auf Gott hin zu leben, aus ihm und für ihn. Darin nun soll wahre Gerechtigkeit zu finden sein, die deutlich mehr ist als das Gefühl, gerecht behandelt worden zu sein. Deutlich mehr als ein subjektiver Eindruck oder der Streit um eine angemessene Definition.

„Gerechtigkeit“ ist hier PERSONAL verstanden, gebunden an Gott und damit an Jesus, der bei dieser Taufe den Geist Gottes auf sich herabkommen sieht. „Wie eine Taube“, schreibt Matthäus. Wer sich an den Christus bindet, findet Gerechtigkeit.

Jesus stellt sich mit dieser Taufe hörbar UND sichtbar unter den Gedanken der Buße. Das erkennt Johannes schließlich, und darum tauft er Jesus dann auch. Und für die Leser des Matthäus wird die göttliche Bestätigung hörbar: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Dieselben Worte übrigens, die die Jünger später bei der Verklärung Jesu mit Mose und Elia auf dem Berg zu hören bekommen. Worte, die ähnlich schon in Jesaja 42 zu lesen sind.

Meine Schwestern, meine Brüder,
wo tauchen nun wir in dieser Geschichte auf?

Buße ist auch für uns immer noch ein Thema. Und sie wird es bleiben. Denn so lange Menschen in Freiheit auf dieser Erde leben, wird der Sund zwischen ihnen und Gott da sein, mal größer, mal kleiner. Schon immer haben Menschen wie Jesaja oder der Täufer das erkannt und zur Änderung des Lebens aufgerufen.

Und Epiphanias, die Erscheinung Gottes in Jesus Christus, lässt nun AUCH UNS neu sehen, wie wichtig wir Gott sind und dass wir unsere Lebensrichtung überprüfen sollten. Alle Jahre wieder können wir das neu sehen. Damit wir alle Jahre neu erinnert sind: Gott selbst sollte die Richtung unseres Lebens werden. DARUM feiern wir Weihnachten. Auf dass wir Buße leben können.

Denn auch uns ist Gerechtigkeit lieb und wichtig. Und in der Hinwendung zu Gott, also der Buße, wird Gerechtigkeit überhaupt erst möglich. Ein bußfertiges Leben, also eines, das sich in der vollkommenen Abhängigkeit von Gott weiß, wird „alle Gerechtigkeit erfüllen“, also nicht nur von Gerechtigkeit reden, sondern sie auch er-leben können.

Wer die Größe Gottes endlich begreift und in ihr zu leben versucht, wird am eigenen Leibe erfahren können, dass sein Leben in Gott aufgehoben und geschützt ist. Und damit hat JEDE Ungerechtigkeit dieses Lebens (egal ob real oder vermeintlich) ihr Ende gefunden, weil sie bedeutungslos wird durch Gottes Liebe. Gerecht ist nicht, wer so oder so handelt oder behandelt wird, sondern wer sein Leben mit Gott zu führen beginnt und seiner Liebe näher kommt.

In unserer Taufe ist uns das in die Wiege gelegt. Unsere Taufe ist nicht Jesu Taufe; wir sind ja auf Jesu Namen getauft. Aber was am Ende seiner Taufe zu hören war, ist auch bei unserer zu hören gewesen.

Jesus hörte: „An dir habe ich meine Freude.“ Und wir haben gehört: Du gehörst zu Christus. Du bist mit ihm verbunden. Auch du bist Gottes Kind. Auch für dich öffnet sich der Himmel. Gott sagt auch jedem von uns: Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter. An dir habe ich meine Freude.

Gottes Stimme ist da eine so ganz andere als die vielen Stimmen um uns herum, die uns klein und ängstlich machen, weil wir nicht wissen, wie wir all das schaffen sollen, was vor uns aufgetürmt wird. Die Prüfungen, die viele Arbeit, die Pflege der Eltern, die Krankheit des Freundes, die Enttäuschung der Freundin. Gottes Stimme sagt ganz anders: An dir habe ich meine Freude. Ohne Vorleistung, ohne Gegenleistung, aus reiner Liebe.

Und so können auch wir heute Gerechtigkeit finden, wie sie schon Cornelius Becker 1602 fand: „Von Herzensgrund ich spreche: Dir sei Dank allezeit, weil Du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit! DIE Gnad auch FERNER mir gewähr; ich will dein Rechte halten.“

Das ist unser Taufgeschenk. „Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit“:

Die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

lassen uns Buße beginnen
und sind Ende jeder Ungerechtigkeit.
AMEN

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