Bleiben (Eph 4 22-32)

Für nur drei Dinge des Tages
Gott dankbar zu sein
manchmal leicht
manchmal unmöglich
Krankheit oder andere Not
werden Last der Seele

Gott aber rührt den Menschen an
fragt dich und mich
willst du gesund werden
auch wenn das bedeutet
das Leben anders zu leben

Gott zeigt uns seinen Weg

Heile du mich, HERR
so werde ich heil;
hilf du mir,
so ist mir geholfen. (Jer 17,14)
***
Stell dir vor, sagt ein Freund zu mir, da habe ich doch vor ein paar Tagen in der Kneipe mit angehört, wie drei stadtbekannte Herren ihre Umsturzpläne geschmiedet haben.

Denen ist der Bürgermeister ein Dorn im Auge. Und weil sie wissen, dass die nächsten Wahlen noch lange hin sind, wollen sie ihm das Leben schwer machen: Für ihn persönlich unangenehme Anträge in die Ausschüsse bringen, Demos gegen ihn organisieren, Abgeordnete zum Sitzungsboykott überreden oder zwingen. „Wenn wir mit dem fertig sind, geht der von ganz alleine“, meinte einer von den Dreien.

Ich sage, dass ich solche Art Mobbing auch schon erlebt habe. Und dass mir Wilhelm Busch dazu einfällt:
„Wenn alles sitzen bliebe,
was wir in Hass und Liebe/ so voneinander schwatzen,
wenn Lügen Haare wären,
wir wären rauh wie Bären / und hätten keine Glatzen.“

Recht hat der alte Busch. Wir lachen, aber der Freund wird schnell wieder ernst: Ich finde die Sache allein schon schlimm. Aber noch schlimmer finde ich, dass die drei Herren hier zur Kirche gehören. Und ich meinte immer, Christen dürften so etwas nicht.

Mich lässt das ratlos zurück. Der Freund ist nicht in der Kirche. Und wird wohl auch nicht so schnell darüber nachdenken, ob er das ändern will. Auch wenn ich sein Freund und Pfarrer bin.

Und ich überlege mal wieder, wie schon so oft: Warum benehmen sich selbst Christen so? Sogar in aller Öffentlichkeit? Denn der Biertisch in der Kneipe ist ja wirklich öffentlich, wie man sieht. Was macht Kirche, was machen WIR da falsch?

Zuerst hängt uns allen immer noch die herrschende Predigtkultur des Mittelalters an. Wo aktenkundig von den Kanzeln der Kirchen Angst vor dem jüngsten Gericht geschürt wurde. Es wird Heulen und Zähneklappern geben in der Hölle! Und wenn man keine Zähne mehr hat? Es wird für Zähne gesorgt werden. Es sei denn, du hast dir Ablass gekauft.

Eine Zeit, in der hier in Europa Andersdenkende als Gefahr für den rechten Glauben aufgebaut und unterdrückt oder vernichtet wurden. Mit Strafen belegt, in Gefängnisse geworfen, zum Widerruf gezwungen, auf Scheiterhaufen verbrannt. Für uns lebendig gehalten in historischen Romanen oder Filmen.

Das trifft auch nicht nur die katholische Kirche. Denn weder der Umgang Luthers mit Thomas Münzer noch der Calvins mit Michael Servetus gehören in den Teil der evangelischen Kirchengeschichte, auf den irgend jemand unter uns Protestanten stolz sein kann.

Und auch als Scheiterhaufen und Schafott kein Mittel zur theologischen Auseinandersetzung mehr waren, blieben Kanzeln noch lange Zeit der Ort, wo Menschen gesagt wurde, was sie zu tun und zu lassen hatten. Von den sieben Todsünden bis hin zur in den Augen der Prediger falschen Liebe gab es vieles, wogegen man wettern und Stimmung machen konnte. Kann denn Liebe Sünde sein? Ja, sie kann. Man muss es nur ordentlich mit dem Schein der Bibel begründen, und schon ist die Hölle wieder ein wenig heißer.

Sogar wenn Kriege in der Luft lagen oder Unrechtsregimes sich breit machten, gab es in den Kirchen viele, die Applaus klatschten oder „der da kauft auch beim Juden“ riefen. Kein Wunder also, dass in den letzten Jahrzehnten die Gesetzlichkeit und die ethische Belehrung von Predigten in die Kritik geraten sind.

Kirchen sollten die Menschen nicht klein, sondern stark machen, ist zurecht zu hören. Also wurde die ethische Lehre in der Kirche zwangsläufig deutlich leiser. Die Konfirmanden lernten zwar noch die Zehn Gebote auswendig und bekamen gesagt, dass sie sich an diese auch halten sollten. Sonst aber wurde man sehr zurückhaltend mit Ratschlägen, wer sich wie verhalten müsse, um ein guter Christ zu sein.

Es sei denn, man MUSSTE etwas sagen, um seine gesellschaftliche Wichtigkeit nicht zu verlieren. Und genau da holten sich die Kirchen dann auch noch blutige Nasen, weil sie sich nicht auf die „wahre Lehre“ einigen konnten:

Bei der Wiederbewaffnung der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg, bei der Position zur atomaren Bewaffnung oder zum Pazifismus, bei der Kriminalisierung von Homosexuellen oder der Diskussion um die Abtreibungsgesetze stritten und streiten sich die Christen untereinander bis aufs Blut.

Und die endlosen Diskussionen um Frauen im Priesteramt oder die Skandale um körperliche Misshandlungen von Schutzbefohlenen leisten der Glaubwürdigkeit von „Kirche“ natürlich Bärendienste. Kein Wunder also, dass Christen hier in unserem Land in Fragen von Ethik und Moral sehr zurückhaltend wurden, was ihr Auftreten in der Öffentlichkeit betrifft.

Was offensichtlich dabei gleich mit unter die Räder geraten ist, ist der ethische Alltag. Abseits von Atomwaffen oder Missbrauchsskandalen. Welche Konsequenzen das Christsein auf das tägliche Miteinander der Menschen haben sollte, ist kaum noch Thema.
Ja, wir hören sie wohl, die zehn Gebote.
Aber da ja sowieso niemand alle halten kann, darf es auch mal hier und dort ein bisschen Mobbing sein. Auch ein bisschen mehr.

Doch wir wissen alle, dass wir SO nicht auf dem Weg BLEIBEN könnten, den Gott mit uns begonnen hat. Als er uns unser Taufgeschenk machte. Uns seine Liebe zeigte. Die Sünde zwischen uns und ihm wegnahm. Uns zuflüsterte: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Genau darum hat ja z.B. auch der Jakobusbrief das theologische Recht, Teil der Bibel zu sein: Weil er nicht müde wird, darauf hinzuweisen: Glaube ohne Werke, die aus dem Glauben kommen, ist tot. Wir können nicht Christen SEIN, ohne uns immer wieder die Frage zu stellen: Wie BLEIBEN wir das eigentlich?
Wie bleiben wir Christen?

Wir sind ja schließlich alle hier im Gottesdienst, weil wir SEHNSUCHT haben nach dem neuen Leben, das für uns Heil verheißt. Weil wir WISSEN, dass der Psalmist RECHT hat: „Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Falsch ist! Denn da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen…“ (32,2f)

Unser Heil, ein Leben ohne Falsch: Genau das eröffnet uns unsere Taufe. Paulus erinnert im Brief an die Epheser an die Vorbereitung zur Erwachsenentaufe, wenn er im ersten Teil unseres Predigttextes schreibt (4, 22-24; NGÜ):

22 Dann wurdet ihr aber auch gelehrt, nicht mehr so weiterzuleben, wie ihr bis dahin gelebt habt, sondern den alten Menschen abzulegen, der seinen trügerischen Begierden nachgibt und sich damit selbst ins Verderben stürzt.
23 Und ihr wurdet gelehrt, euch in eurem Geist und in eurem Denken erneuern zu lassen
24 und den neuen Menschen anzuziehen, der nach Gottes Bild erschaffen ist und dessen Kennzeichen Gerechtigkeit und Heiligkeit sind, die sich auf die Wahrheit gründen.

Der Glaube an Gott, den Vater Jesu Christi, HAT Konsequenzen. Die Erneuerung des Geistes und des Denkens, ein anderes, neues Menschsein. Das Gott die Ehre gibt und den andern Menschen als Ebenbild Gottes akzeptiert und schützt. Gerecht, wahrhaftig.

Übrigens: Dass schon Paulus diese Zeilen schreibt zeigt, dass er sie offenbar schreiben muss. Weil sich wohl schon immer im Alltags-Leben der Gemeinden Pessimismus und Trägheit eingestellt haben.

PESSIMISMUS, der sagt, es sei ja doch an allem nichts zu ändern, darum brauche man sich mit dem Christsein gar nicht so offensiv in die Gesellschaft vorzupreschen, das brächte ja doch nur Ärger. TRÄGHEIT, die meint, man lebe ja auch gar nicht so schlecht, und darum können ruhig alles so bleiben, wie es ist.

Und wenn dann jemand kommt, der Pessimismus und Trägheit irgendwie in Frage stellt, dann „menschelt“ es eben auch in der christlichen Gemeinschaft, und das offenbar kein bisschen weniger als anderswo, sodass Paulus das im zweiten Teil des Textes ausdrücklich zum Thema macht:

25 Darum legt alle Falschheit ab und haltet euch an die Wahrheit, wenn ihr miteinander redet.
Wir sind doch Glieder ein und desselben Leibes!
26 Wenn ihr zornig seid, dann versündigt euch nicht.
Legt euren Zorn ab, bevor die Sonne untergeht.
27 Gebt dem Teufel keinen Raum ´in eurem Leben`!
28 Wer bisher ein Dieb gewesen ist, soll aufhören zu stehlen und soll stattdessen einer nützlichen Beschäftigung nachgehen, bei der er seinen Lebensunterhalt mit Fleiß und Anstrengung durch eigene Arbeit verdient; dann kann er sogar noch denen etwas abgeben, die in Not sind.
29 Kein böses Wort darf über eure Lippen kommen. Vielmehr soll das, was ihr sagt, gut, angemessen und hilfreich sein; dann werden eure Worte denen, an die sie gerichtet sind, wohl tun.

Paulus redet der Gemeinde ins Gewissen. Vier Konsequenzen des Glaubens im Alltag beschwört er förmlich:
1. Keine Falschheit, sondern Wahrheit!
Man muss ja nicht alles sagen, was man gerade so denkt. Vieles davon ist ja noch lange nicht fertig gedacht. Aber das, WAS man sagt, muss wahrhaftig sein. Ohne Fallen, ohne falsche Freundlichkeit, ohne Schleim. Mut zur Wahrheit – DAS entspricht Gottes Willen.

2. Kein anhaltender Zorn!
Ein schönes Wort, in der Lutherübersetzung sprichwörtlich geworden: Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen! Denn Zorn, der anhält, ist nur eine Form der Selbstbestätigung und Zeichen des eigenen Rechthabens, nicht des Gesprächs.

Eine eindrucksvolle Geschichte dazu hat mir der Benediktinerpater erzählt, mit dem ich in Kabul im Bundeswehreinsatz war. Er hatte sich mit einem Mitbruder gestritten und es dann nicht geschafft, sich mit ihm vor der nächsten Abendmahlsfeier zu versöhnen. Und dann, bei der Eucharistiefeier, sagte der Mitbruder lächelnd zu ihm: „Pax tecum, du Esel!“ (Friede sei mit dir…) .

Diese Benennung seines Zorns und die schmunzelnde Vergebung durch den Bruder war für ihn so befreiend, dass es seitdem kaum ein Abendmahl gäbe, ohne dass er es irgendwie hören würde: Pax tecum, du Esel.

3. Kein Diebstahl, sondern Mühe, Fleiß in nützlicher Arbeit!
Nützlich, weil sie den eigenen Lebensunterhalt sichert, aber auch die Möglichkeit nicht versäumt, Selbstverdientes an andere, die es brauchen, weiterzugeben.

4. Kein faules Geschwätz.
Denn Faules lässt alles verderben. Egal ob Gift oder Schleim oder Floskeln. Hier ist nicht nur Wahrhaftigkeit, sondern mehr gemeint. Worte sollen in der Absicht gesprochen sein, der Situation oder dem Anderen WEITERZUHELFEN.

Meine Schwestern, meine Brüder:

WIE BLEIBEN wir Christen?
Es mag durchaus gute sein, sich zurückzuhalten und pessimistisch zu sein. Wer vom Schlechten ausgeht, erspart sich am Ende viele Enttäuschungen und steht schließlich nicht blamiert da. Das erspart einem im Leben viele Misserfolge und vor allem die Tränen der Enttäuschung.

Doch Paulus meint: Die Tränen der Enttäuschung liegen dann bei Gott. Paulus schreibt weiter:

30 Und tut nichts, was Gottes heiligen Geist traurig macht! Denn der Heilige Geist ist das Siegel, das Gott euch im Hinblick auf den Tag der Erlösung aufgedrückt hat, ´um damit zu bestätigen, dass ihr sein Eigentum geworden seid`…

Wenn Gott über das Treiben der Menschen, über meinen Umgang mit anderen, über mein Versagen in dieser Welt Tränen der Trauer vergießt, dann macht das nur deutlich, wie viel ihm an seinen Menschen liegt. Wie viel ihm an mir liegt. Wie sehr er um mich ringt.

In der Taufe hat er mir sein Siegel aufgedrückt.
SEIN Eigentum soll ich sein.
Und, Hand aufs Herz:
Etwas Besseres als SEIN EIGENTUM zu sein – wer hätte so etwas gefunden?
Ich jedenfalls kann mir nichts Besseres vorstellen, als dass am Ende GOTT mit einem Lächeln zu mir sagt:
Pax tecum, du Esel!

Die Hoffnung auf dieses gute Ende, DIESE Form des Optimismus, will ich in meinem Leben nicht sterben lassen. Dafür will ich leben und arbeiten, bis ich das nicht mehr kann. So dass der letzte Vers des Predigttextes mir aus der Seele spricht:

32 Geht … freundlich miteinander um,
seid mitfühlend und vergebt einander,
so wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.

SO könnten wir ALLE BLEIBEN. Im Hause des Herrn, in dem Freundlichkeit, Mitgefühl und Vergebung herrschen sollen.
Und wir können für diese Welt das Zeichen dafür bleiben, dass Gottes-Optimismus eine wirklich gute Wahl ist.

Die Liebe des Vaters, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes führen uns
in Zeit
und Ewigkeit.
AMEN

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