Autark oder abhängig? (Kol 4,2)

Kurt Marti:
Auch ich kann nicht beten.
Ich glaube,
man sieht uns allen an,
dass wir nicht beten können.

Man sieht es auch denen an,
die weiterhin beten
oder zu beten meinen.

Dennoch kann ich mir
die Sprache einer besseren Zukunft
nicht vorstellen
ohne etwas
wie Gebete.

Rogate – Betet!
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft
noch seine Güte von mir wendet!
Ps 66 20
***

Der Predigttext, der für heute ausgewählt ist, hat passend zum Sonntagsthema viel mit dem Gebet zu tun. Und gerade darum wohl auch wenig mit dem Alltag Vieler in unserer Stadt.
Ich lese einen zentralen Vers aus dem Kolosserbrief Kapitel 4, Vers 2:

Seid beharrlich im Gebet
und wacht in ihm mit Danksagung!…

Gebet, beharrlich, wachsam, Danksagung. Das klingt anstrengend. Ist das etwas für die Menschen um uns herum? Oder ist das nicht eher etwas für Nonnen und Mönche, die abseits des Alltages der meisten Menschen ihre besondere, abgeschiedene Art der Frömmigkeit leben können?

Die drei Klöster aber, die es einmal in unserer Stadt gegeben hat, sind längst keine mehr. Und es ist nicht zu übersehen, dass der Alltag der meisten Menschen hier keinen Raum hat für etwas, was Spiritualität oder Frömmigkeit ausmacht.

Mir scheint so, als ob viele nicht leben, sondern gelebt werden. Arbeitsstelle, Kita oder Schule bestimmen, wann sie morgens aufstehen. Der Beruf bestimmt, woran man gerade denkt, wann man Pause macht oder nach Hause geht. Und wann man Urlaub macht. Eine tägliche Morgenandacht, selbst nur Losung, Lehrtext und Gebet, würde da nur noch zusätzlichen Stress bringen.

Stattdessen eine „Andacht“ in Form der Morgenzeitung inklusive Horoskop. Auch etwas Überirdisches. An das die meisten, Gott bewahre!, zwar nicht glauben, das sie aber doch regelmäßig lesen. Man kann ja nie wissen.

Das Smartphone füllt dann alle übrigen Zeiten des Tages aus. Auf dem Schulweg, in der Straßenbahn, an der Haltestelle, beim Laufen auf der Straße, beim Baden am Strand. Wenn dann noch Zeit übrigbleibt, dann bleiben der PC, die Großbildschirme in den Wohnzimmern oder Sport, um fit zu bleiben. Und der Wetterbericht bestimmt dann, wie sich die Menschen am Wochenende zu fühlen haben.

Die meisten Menschen um uns herum leben gut ohne eine Gottesbeziehung, ihnen scheint nichts zu fehlen. Sie versuchen, den Zwängen des Lebens aus eigener Kraft zu entkommen, indem sie sich autark zu machen versuchen.

Selbstverwirklichung in Selbständigkeit. Frei, unabhängig, selbstbestimmt. Dem müssen sich dann auch die zwischenmenschlichen Beziehungen anpassen, besser unterordnen.

Seid beharrlich im Gebet
und wacht in ihm mit Danksagung!…

Sollen wir darüber wirklich nachdenken oder würde nicht auch uns mehr Unabhängigkeit besser zu Gesicht stehen? Wer „fromm“ ist, beantwortet doch die Frage, ob denn da ein Wesen über ihm existiere, das sein Leben in der Hand hat, mit einem klaren Ja. Damit aber macht man sein Leben zu fremdbestimmtem Leben.

Hermann von Bezzel, lutherischer Theologe aus Bayern, der 1917 gestorben ist, fasste das in diese Worte: „Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.“

Streben nach voller Unabhängigkeit kann dieses Ja der Fremdbestimmtheit nicht sprechen, diese Art von Glück nicht nachempfinden. Für die meisten um uns herum wird „Glauben“ so zu einem Wort aus alten Zeiten, ohne wirkliche Möglichkeit zu persönlicher Erprobung. Dafür auch noch Kirchensteuer zahlen? Nein Danke.

Dabei wird die Frage, ob es Gott überhaupt gäbe und wer oder was er überhaupt sei, durchaus immer wieder am Stammtisch diskutiert und auch dort beantwortet, obwohl sie sich doch eigentlich jeder Antwort entzieht. Denn menschliche Beweise benötigen Raum und Zeit. Ein Gott aber, der sich in Raum und Zeit beweisen ließe, wäre doch kein Gott, der ewig sein muss.

Zweifelsfrei sicher ist zweifelsfrei sicher niemand.
Gott ist tot, sagt der Philosoph Friedrich Nietzsche.
Nietzsche ist tot, soll Gott geantwortet haben.
Einer von beiden wird sich geirrt haben. Wer?

Was also: Selbstbestimmung oder Gottbeziehung? Die Entscheidung gegen eine Abhängigkeit im Leben führt dazu, dass Gottesbeziehungen als einengend empfunden werden und das Beten schon darum für viele nicht zum Alltag gehört. Schon weil sie nicht gern „Bitte“ oder „Danke“ sagen. Selbst für nicht wenige Christen findet persönliches Gebet darum nicht mehr statt.

Beharrlich bleibt mir dieses „beharrlich“ des Paulus im Sinn. Es geht Paulus hier offenbar gar nicht um die Fragen rund um die Gebetserhörung. Sondern um etwas, das aus dem beharrlichen Beten erwachsen kann, eine Pflanze aus der Regelmäßigkeit des Betens Tag um Tag.

Jesus selbst redete Tag um Tag mit Gott. Und der zeigte sich ihm nicht als der gezähmte „liebe Gott“, der die Werte toleranter Vernünftigkeit und harmloser Freundlichkeit repräsentiert. Sondern vielmehr als der eifernde und parteiische, der seine Menschen liebt. Der, an dem sich auch die Geister scheiden.

Gott ist nicht der Schläfrige, sondern hellwach, wie ein Dieb in der Nacht. Ein lebendiger Gott, den man aus den Schrecken und Katastrophen des Lebens nicht ausklammern muss. Weil er die Liebe selbst zu seinen Geschöpfen ist. Gott leidet am eigenen Leib, lässt mit sich reden und lässt sich bitten. Diesen Gott redet Jesus mit „Abba, lieber Vater“ an.

Darum zieht sich durch Jesu Leben und Handeln wie ein roter Faden die Einladung und Aufforderung, in diesen Gott das ganze Vertrauen zu setzen, auch und gerade gegen alle leidvolle Lebenserfahrung. Jesu Gebet im Garten Gethsemane lässt ihn
Gottes Nähe erfahren und Kraft für den Weg des Leids finden, weil er sich am Ende des Gebetes der Liebe Gottes und der Richtigkeit seines Weges sicher ist. Auch wenn er sich vor dem Weg fürchtet.

Und Liebe ist doch nie an Äußerlichkeiten erkennbar. Sie wird erfahren, gepflegt und bewährt. Beharrlich und wachsam. Darum ist die einzig angemessene Art des Umgangs mit Gott das immer neue, beharrliche Zwiegespräch mit ihm. Es wird zu Vergewisserung, Einübung, Erinnerung, zum Vollzug des Urvertrauens auf den, der Himmel und Erde gemacht hat und erhält.

Beharrlich: So lernt der Mensch nämlich sich selbst besser und Gott überhaupt erst kennen.

Seid beharrlich im Gebet
und wacht in ihm mit Danksagung!…

Schließlich: Was ist für das Leben wirklich heilsam?
Das Streben nach Autonomie oder ein Leben unter Gottes Herrschaft, das auch das beharrliche Gespräch mit Gott bedeutet?

Wenn ich es richtig sehe, sieht Autonomie sich ständig bedroht.
Da gibt es andere Menschen, die einem die eigene Selbstbestimmung absprechen.
Krankheiten oder körperliche Gebrechlichkeit
machen abhängig.
Manche Entscheidungen werfen einen zurück,
dann muss man die Autonomie entweder völlig neu erkämpfen
oder ist gar völlig gescheitert.

Leben unter Gottes Herrschaft ist Realismus der Abhängigkeit.
Es gibt auf dieser Erde kein wirklich selbstbestimmtes Leben. Es gibt immer nur das rechte Maß zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, zwischen mir und meinem Gegenüber.

Gott ist dabei ein Gegenüber, das mich nicht einfach willkürlich beherrscht. Gott bindet mich ein, nimmt durch das Gespräch mit ihm Einfluss auf mich und auf mein Leben.

Beten will also gewagt, erprobt, zugetraut sein. Dass der Mensch schwimmen kann, erfährt er beim Schwimmen. Dass er auf nur zwei Rädern ohne umzufallen fahren kann, beim Fahrradfahren.

Beten heißt: Sich entschieden zu haben, einen Glauben nicht zu suchen, sondern den Glauben an Gott zu leben. Das rechte Maß zwischen Selbst- und Fremdbestimmung zu suchen und finden zu können. Beharrlich, wachsam, dankbar.

DAS, glaube ich, ist für das Leben WIRKLICH heilsam. Denn das fordert mich, überfordert mich aber nicht. Weil ich meine Rolle in diesem Leben, meine Beziehungen zu anderen Menschen, meine Beziehung zu Gott realistisch einschätzen lerne.

Meine Schwestern, meine Brüder,

WIR (sonst säßen wir nicht hier) haben uns entschieden, dass wir die Abhängigkeit von Gott als unser Glück betrachten. Seine Liebe zu den Menschen mit unserem Leben zu beantworten. Wir haben uns richtig entschieden. Und wir wissen, dass solches Leben ohne das Gebet nicht zu haben ist.

Doch leicht ist das auch für uns nicht, denn das Gegenüber Gott ist kein Mensch, der einfach so antwortet, wie meine Frau mir antwortet.

Gottes Wort birgt sich in Gedanken, Menschenworten, Menschenschrift. Man kann seine Sprache lernen, aber das muss man dann auch tun: Sie LERNEN. Und man muss dabei BLEIBEN: Seid beharrlich im Gebet
und wacht in ihm mit Danksagung!…

Rogate! Betet! Was das konkret für die Kolosser bedeutet, schreibt Paulus ihnen auch, weiter im 4. Kapitel nachzulesen. Für uns heute bedeutet das konkret, stets über die Formen und Inhalte unserer Gebete im Gespräch zu bleiben. Beharrlich.

Unsere Gottesdienste sind dabei der wichtigste Treffpunkt. Wir haben eine Liturgie verabredet, die Sonntag für Sonntag vier verschiedene Gebetsinhalte kennt.

Da ist zu Beginn der Dank und das Lob Gottes als dem Schöpfer all dessen, was wir kennen und haben. Hier stimmen wir ein in das Lob Israels, wie es uns in den Psalmen überliefert ist. Ein starkes Votum, dass sich hineingibt in die Jahrtausende alten Worte unserer Mütter und Väter im Glauben.

Nach der Erinnerung an die Gebote folgt unsere Bitte an Gott, dass er uns die Last der Schuld, die wir alle in unserem Leben kennen und fürchten gelernt haben, tragen helfen möge. Denn sein Erbarmen ist es doch, das wir so sehr brauchen.

Vor der Predigt dann das Tagesgebet, das erbittet, dass uns Herz und Ohr jetzt für Gottes Stimme geöffnet werden mögen.

Schließlich dann unsere Bitte für die Menschen in der Nähe und der Ferne, von denen wir wie von uns selbst wissen: Nur Gottes Zuwendung und Liebe kann ein Leben in guten und schlechten Tagen tragen und erheben.

Lobpreis, Bitte um Vergebung, Bitte um Öffnung, Fürbitte: Sonntag für Sonntag hilft das, wachsam und beharrlich Gott zu danken und ihn zu bitten. Und nur, weil wir dabei Gottes Stimme auch hören können, sind wir hier und feiern Gottesdienst, Woche für Woche.

Und wenn wir Gottesdienst gefeiert und uns so Gottes Segen für unser Leben vergewissert haben, ist auch unser Alltag von Gott gesegnet. Da werden wir auch an den anderen Tagen in der Lage sein, wachsam und beharrlich Gott zu danken und ihn zu bitten.

Dann seine Stimme zu hören lässt uns unser Glück begreifen, von IHM abhängig zu sein.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Von ihnen abhängig zu sein, Tag um Tag, ist unser Glück. Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Kanzelrede abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Autark oder abhängig? (Kol 4,2)

  1. Sabine sagt:

    Danke für diese eindringliche und wunderbare Predigt! Gut, dass der Sonntag Rogate uns jedes Jahr auf’s Neue in Erinnerung ruft, wie wichtig das Gespräch mit Gott ist. Diese Predigt ist für mich eine der besten zu Rogate. Sie ist Erinnerung, Erläuterung und Praxis für den Alltag. Also das, was ich zum Leben! dringend brauche.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.