Auf die Knie? (Mt 2, 1-12)

Die Weihnachtsbilder zeigen nicht,
was sich außen abgespielt hat, sondern/
Verborgenes und Unsichtbares/
ausgebreitet vor unser aller Augen.

Die Sterndeuter kommen aus dem Osten.
Sie finden, wonach sie suchen.
Aber sie entdecken etwas,
was sie nie erwartet hätten:
Die Erscheinung der Größe Gottes
in einem Neugeborenen.

Epiphanias – Fest der Erscheinung.
Die Verbeugung vor der Größe Gottes,
die alles Verstehen übersteigt.

Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.
1 Johannes 2,8b

Epiphanias – der Festtag am 6. Januar eines jeden Jahres. Gesetzlich geschützter Feiertag in USA, Unserm Sachsen Anhalt -kurz hinter der Stadtgrenze Brandenburgs Richtung Westen. Bei uns aber: Selbst in den Jahren, in denen Ostern sehr spät liegt und es darum sechs Sonntage NACH Epiphanias gibt, fällt Epiphanias bei uns fast immer einfach nur: Aus.

Und das, obwohl es für viele Christen das eigentliche Weihnachtsfest ist, zum Beispiel in der orthodoxen Kirche. Und das, obwohl es sicher einer der ältesten Weihnachtsfesttermine überhaupt ist. In unseren Gemeinden war Epiphanias in diesem Jahr wie fast immer: Ein Wochentag wie jeder andere. Ikea feiert Knut. Selbst Abendgottesdienste: Fehlanzeige. Da wird es wieder einmal Zeit, Epiphanias  wenigstens am 1. Sonntag nach Epiphanias nach zu feiern.

Epiphanias lässt uns das Matthäusevangelium aufschlagen. Dort lesen wir die andere, die sehr männliche Weihnachtsgeschichte.
Hier wird nicht geboren, hier wird gezeugt. Von „Abraham zeugte Isaak“ bis „Jakob zeugte Joseph, den Mann der Maria“ geht es in Kapitel 1.

Joseph IST im Vordergrund, Joseph BLEIBT im Vordergrund.  ER denkt, ER entscheidet, ER bleibt. Maria wird erwähnt, aber selbst im Schluss-Vers des 1. Kapitels, der die Geburt Jesu berichtet, heißt das Subjekt: Joseph.

Dann Kapitel 2: Die Magier aus dem Osten kommen. Wieder Männer. Vielleicht waren es zehn, vielleicht auch nur drei. Ihre Geschichte, die wohl jeder von uns in den Worten der Zürcher oder Lutherbibel im Ohr haben dürfte, lese ich uns als Predigttext jetzt aus der Neuen Genfer Übersetzung – da kann man noch einmal anders hinhören. In den Versen 1-12 steht:

Der Besuch der Sterndeuter
Jesus wurde zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem, einer Stadt in Judäa, geboren. Bald darauf kamen Sterndeuter aus einem Land im Osten nach Jerusalem. 2 »Wo ist der König der Juden, der kürzlich geboren wurde?«, fragten sie. »Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm Ehre zu erweisen.«
3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. 4 Er rief alle führenden Priester und alle Schriftgelehrten des jüdischen Volkes zusammen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. 5 »In Betlehem in Judäa«, antworteten sie, »denn so ist es in der Schrift durch den Propheten vorausgesagt:
6 ›Und du, Betlehem im Land Juda, du bist keineswegs die unbedeutendste unter den Städten Judas; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen,  der mein Volk Israel führen wird wie ein Hirte seine Herde.‹«
7 Da rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen den genauen Zeitpunkt angeben, an dem der Stern zum ersten Mal erschienen war. 8 Daraufhin schickte er sie nach Betlehem. »Geht und erkundigt euch genau nach dem Kind«, sagte er, »und gebt mir Bescheid, sobald ihr es gefunden habt. Dann kann auch ich hingehen und ihm Ehre erweisen.«
9 Mit diesen Anweisungen des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her, bis er schließlich über dem Ort stehen blieb, wo das Kind war. 10 Als sie den Stern sahen, waren sie überglücklich. 11 Sie gingen in das Haus und fanden dort das Kind und seine Mutter Maria. Da warfen sie sich vor ihm nieder und erwiesen ihm Ehre. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und gaben sie ihm: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
12 In einem Traum erhielten sie daraufhin die Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren. Deshalb reisten sie auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Epiphanias: Das ist seine Geschichte. Epiphanein ist ein griechisches Verb. Ursprünglich bedeutete es einfach „erscheinen“, also: Herr Dörr erscheint im Gottesdienst.

Ungefähr 200 Jahre vor Christi Geburt ist dann in philosophischen Schriften eine Bedeutungserweiterung zu beobachten.  Jetzt reicht die Bedeutung weiter, tiefer. Nun bedeutet es auch: Eine neue, bis dahin verborgene Seite zu sehen, also: Jetzt offenbart Frau Holle ihr wahres Gesicht.

Epiphanias ist darum nicht einfach das Fest der „Erscheinung“, sondern ebenso der „Offenbarung“.

Wer oder was erscheint nun am 6. Januar? Wer oder was offenbart sich hier? Und was hat all das mit dem Dreikönigstag zu tun?

Auch die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus ist zum festen Teil unserer Weihnachtsfeierlichkeiten geworden. Heute gehören die „Heiligen drei Könige“ ebenso wie Maria, Joseph und die Hirten zu den Standartkrippenfiguren, die überall im Lande zu Weihnachten aufgebaut werden. Natürlich nicht in reformierten Gottesdiensträumen, wir brauchen da ja keine Bilder, aber unter manchem reformiertem Privat-Weihnachtsbaum stehen sie dann schon.

Dann stehen auch da die heiligen drei Könige neben den Hirten an der Krippe, auch wenn im Zeugnis der Bibel die Hirten die Weisen genauso wenig gesehen haben wie die Weisen die Krippe und die Hirten. Denn die Weisen gibt es nur hier im Matthäusevangelium, und hier gibt es weder Hirten noch Stall noch Krippe. Aber auch in unserem Wohnzimmer stehen sie einträchtig beieinander.

Von den Königen an den Weihnachtskrippen zurück zu den Weisen nach Matthäus: Sie werden mit dem griechischen Wort „Magoi“ bezeichnet. Es ist derselbe Wortstamm, den wir für unser Wort „Magier“ gebrauchen.

Ursprünglich aber meint es nur bedingt etwas, was mit „Magie“, also schwarzer Kunst, zu tun hat. Hier sind zunächst persische Priester gemeint, die sich auch mit Sternkunde beschäftigten. Eine Mischform von heutigen Astrologen und Astronomen, die führenden Wissenschaftler der alten Welt.

Die kannten sich aus in den Dingen des Lebens und der Welt. Die Magoi hatten großes Wissen in den damals größten Bibliotheken der bekannten Welt gesammelt. Auch Wissen über die übernatürlichen, göttlichen Dinge. Und die hatten etwas mit den Sternen zu tun – da waren sich schon damals  viele Menschen sicher.

Bei ihren Sternbeobachtungen waren unsere Magoi offenbar auf eine seltene Planetenformation aufmerksam geworden. Der Astronom Kepler meinte später, es handelte sich bei dem Stern von Bethlehem um das Zusammentreffen der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische – ein Jahrtausendereignis am Sternenhimmel.

Die Magoi versuchten natürlich, diese Konstellationen zu deuten. Den Jupiter kannten sie als Königsstern, den Saturn als Stern der Juden. Und mit dem Sternzeichen der Fische verbindet sich für ihr Verständnis die Endzeit der Welt.  Was also lag näher, als in diesem „neuen Stern“ die Geburt eines neuen Königs der Juden zu sehen, der so wichtig war, dass er etwas mit der Endzeit der Welt zu tun haben musste?

Grund genug, die Sachen zu packen und loszuziehen. Das mussten sie einfach mit eigenen Augen sehen, diese Gelegenheit würden sie nie wieder in ihrem Leben haben.

So kommen sie nun nach Jerusalem. Denn natürlich suchen sie den neuen Thronfolger in keiner Kleinstadt, sondern im Königspalast. So erfährt auch König Herodes davon.

Und da der nichts von einem neugeborenen Königskind weiß, ahnt er: Da ist Gefahr im Verzug, für mich, mein Haus, meine Macht. Er muss sich schnell Klarheit verschaffen.

Von seinen theologischen Ratgebern erfährt er, dass der ersehnte Weltenkönig als Christus in Bethlehem geboren werden sollte. So steht es eben seit Jahrhunderten in den heiligen Schriften.

Also folgen die Weisen ihrem „Stern“ weiter, „bis er über dem Ort stehen blieb, wo das Kind war“.  Sie sind am Ziel. Da warfen sie sich vor ihm nieder und erwiesen ihm Ehre. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und gaben sie ihm: Gold, Weihrauch und Myrrhe.  Diese drei Gaben verkörpern für die Alten königliche Schätze:

Gold gilt als ewig, beständig und unzerstörbar. Damit war es nicht nur wertvoll, sondern Symbol für die Ewigkeit schlechthin.

Weihrauch wurde schon damals für religiöse Handlungen benutzt. Nicht nur Augen und Ohren, auch der Geruchssinn werden damit angesprochen: Es geht um den ganzen Menschen, wenn es um Gott geht.

Myrrhe – ein ebenfalls königliches Geschenk. Es ist ein weißes Baumharz, dessen Verbrennung einen kräftigen, würzigen Duft verbreitet, das aber mit anderen Dingen gemischt vor allem zur Salbung von Königen verwendet wurde.

Beim Evangelisten Markus findet sich übrigens der Hinweis, dass Myrrhe offensichtlich auch als Rausch- und Betäubungsmittel genutzt wurde: Mk 15, Jesu Kreuzigung: 23 Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.

Gold, Weihrauch und Myrrhe: Die Magoi legen sich selbst und Jesus alles zu Füßen, was ihnen wertvoll und heilig ist.

Warum wurden aus den Weisen in der Tradition dann  Könige?  Vielleicht haben die Christen dabei an einen Psalmvers gedacht.
Ps 72,10 steht nämlich: „Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, die Könige aus Saba und Scheba sollen Gaben senden.“

Also gab es irgendwann zu jedem königlichen Geschenk auch einen König. Die altkirchliche Tradition gibt denen sogar Namen: Caspar, Melchior und Balthasar. Sie verkörpern in Kleidung und Hautfarbe die damals bekannten Erdteile Afrika, Asien und Europa.

Beindruckende Bilder voller Symbole malt uns das Evangelium vor Augen, die – wir sahen es – schon immer Menschen in ihren Bann zogen und ihre Fantasie anfachten.

Epiphanias – Erscheinung.
Eine Sternkonstellation erscheint, und mit ihr der Gottessohn  Jesus in dieser Welt.

Epiphanias – Offenbarung.
Es offenbart sich die bisher nicht sichtbare Seite des Geschehens.

Bisher war nur ein Kind an der Seite seiner nicht gerade wohlhabenden Eltern zu sehen. Jetzt aber geht es plötzlich um viel, viel mehr. Hier geht es um die Geburt eines wirklichen, neuen Herrschers der Welten. Nicht die Nahen, die Fernen sind es, denen es wie Schuppen von den Augen fällt: Den Magoi offenbart sich Gott selbst. Sie begegnen nach dem falschen König Herodes dem wahren König der Welt. Das ist Epiphanias.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Es gibt Momente, in denen etwas geschieht, das das Leben völlig verändert. Diese Momente sind so groß, dass sie nicht verborgen bleiben.

Epiphanias ist der Moment, an dem soviel mehr geschieht, als dass ein Neugeborenes besucht wird. Epiphanias offenbart den neuen Stern, der mit Jesus über der Dunkelheit der Welt erschien und ihn zum Christus der Welt macht.

Die Erscheinung Gottes als Kind zur Weihnacht ändert Hirten und Zöllner, Könige und Bettler, Kinder und Greise, Starke und Kranke. Sie ändert die Weisen, die aus Hochachtung, Dankbarkeit und Staunen, Ehrfurcht und Freude vor dem Kind auf die Knie gehen. Sie schenken ihm das Kostbarste, das sie haben. Feierliche Anbetung, alles ändert sich- ganz ohne ein einziges gesprochenes Wort.

Eine Kalendergeschichte: Ein Inder kam nach Kopenhagen, um Thorwaldsens berühmtes Werk, den segnenden Christus, zu sehen. Als er die Frauenkirche betrat und in einiger Entfernung das Werk betrachten wollte, schien er nicht ganz zu verstehen, was dieser Christus darstellen sollte. Als der Kirchendiener das beobachtete, ging er auf ihn zu und sagte: „Mein Herr, Sie müssen näher herantreten.“ Und dann – nach einem Augenblick: „Und nun müssen Sie am besten niederknien und dann von unten nach oben hinaufschauen, dann können Sie verstehen, was der Künstler zum Ausdruck bringen will.“

Näher herantreten und auf die Knie gehen – so offenbart uns Epiphanias das Geheimnis der Weihnacht. Es offenbart uns die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Amen.

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