Auf dem Berg (Mt 7, 24-27)

Was ist wichtig in meinem Leben,
was nicht?
Was ist wirklich wertvoll,
wo scheint es nur so?
WIE besitze ich?
So, als wenn es mir GEHÖRTE
oder so, dass ich es VERWALTE?

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen;
und wem viel anvertraut ist,
von dem wird man um so mehr fordern.
Lukas 12,48

***

Von einer Postkarte sieht mich ein Kaninchen an. Es sitzt schräg vor einem Spiegel. Es hat eine Ringelblume hinter einem Ohr. Das sehe ich aber nur in dem Spiegel, denn da sehe ich das Kaninchen von der anderen Seite. Und dort, im Spiegelbild, sehe ich auch, dass das Kaninchen lächelt. Darunter steht: Eigentlich bin ich ganz anders. Nur komme ich so selten dazu.

Eigentlich bin ich ganz anders. Eigentlich will ich anders sein. Im Einklang mit Gott, mit mir und der Welt. Aber mir fehlt die Zeit. Andere und Anderes nehmen sie in Anspruch. Zwingen mich, anders zu sein, als ich sein will. Nur selten bin ich so, wie ich sein will.

Überall kann man das hören. In Familien, bei der Arbeit, in den Elternversammlungen. In Stammkneipen, in der Bibelstunde, in den Sitzungen. Bei den Gesprächen mit Freunden. So äußern sich Zweifel, Skepsis, Ärger und Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben – denn eigentlich möchte man anders leben. Sich eine Blume hinter das Ohr stecken und lächeln.

Aber: „Es ist eben nicht gewollt“.
Kinder statt Karriere. Familie statt Alterseinsamkeit. Brettspiele statt Handyspiele. Einigung statt Anwalt. Gemeinsam kochen statt schnell zu McDonalds. Schuluniformen statt Marken-Diktat von Diesel oder Nike. Kinderlärm statt Wellness-Urlaub in der Karibik.

Es ist nicht gewollt!
Reparieren statt wegwerfen. Fürsorge statt Vorsorge. Miteinander statt nebeneinander. Gnade vor Recht, Liebe vor Gesetzlichkeit. Das Herz regiert, nicht das Geld. Selbst in Politikern die Menschen von Nebenan sehen, in Linken oder gar Rechten, selbst in Wahlkampfzeiten. Aber all das ist eben nicht gewollt!

„Die Gesellschaft“ will es anders. Die anderen machen es doch auch so, und man will eben nicht außen vor bleiben. Schuld sind die Verhältnisse, schuld ist die Politik. Hast du was, dann bist du was. Das wollen die Verhältnisse. So ist es gewollt.

Von wem eigentlich? Wie heißt der Zeit-Geist? Wem beugt man sich? Welcher Herrscher, welcher Gott befiehlt, sodass man folgen müsste ohne Gegenwehr? Die Gesellschaft? Die Verhältnisse? Das Geld? Eine alte Frage. Fast so alt wie die Menschheit. Und von der Antwort auf diese Frage hängt es ab, das Leben.

Auch wenn Handyspiele, Wellnessurlaub in der Karibik oder Fastfood bei McDonalds und Co. zu Jesu Zeiten noch nicht erfunden waren: Auch damals hätten sich die meisten lieber eine Blume hinter das Ohr gesteckt. Und gelächelt. Aber die Verhältnisse wollten es anders. Schon damals.

Jesus weiß das. Er nimmt seine Jünger heraus aus dem Alltag, führt sie in die Ruhe eines Berges. Er setzt sich, er hat es nicht eilig. Er hat ihnen etwas zu sagen.

Erst scheinen nur seine Jünger dabei zu sein, die ihm zuhören. Dann aber werden es mehr und mehr. Hört auf das Evangelium, die frohe Botschaft Gottes für euer Leben. Jesus hält seine Bergpredigt.

So sein, wie ihr es euch wünscht, das Lebensglück finden- ihr wollt selig sein. Aber wer ist denn wirklich selig? Es sind doch die, die ihre Armut vor Gott begriffen haben und sie bekennen. Die Sanftmütigen und die, deren Gerechtigkeitssinn nicht bestechlich ist. Diejenigen, die begriffen haben: Es kommt nicht darauf an, wer Recht hat, sondern wer Frieden macht. Die finden ihr Lebens- Glück, die kann man selig preisen. Meint ihr das nicht auch?

Was kann helfen, so zu sein, wie ihr eigentlich wollt? Was kann helfen zur Seligkeit?

Regeln können zur Seligkeit helfen.
Gottes Gebote sind gute Regeln, bessere gibt es nicht. Sie nutzen aber nichts, wenn es euch lediglich um die Befolgung des Wortlautes geht. Denn Worte sind oft doppelsinnig, auslegbar, gar missverständlich.

Aber sie helfen, wenn sie nicht totes Wort bleiben, wenn die Beziehung zu den Mitmenschen die erste Rolle spielen. Wenn sie also bis zum letzten i-Tüpfelchen im Alltag lebendig werden. Wenn ihr Geist lebendig ist. Dann helfen die Gebote dem Leben./

Das Beten kann zur Seligkeit helfen.
Und das Beten geschieht dann recht, wenn es nicht zuerst um mich, sondern um das Wohl der Welt geht, die Gottes Welt ist. Darum lehrt Jesus das Vaterunser.

Gott ist eben keine philosophische Größe. Er lebt, er erwartet die Rede, die Bitte, den Dank der Menschen. Erwartet ihr Bemühen, seine Sprache zu lernen. Wenn die Sprachlosigkeit der Menschen Gott gegenüber beendet wird und gelernt wird, Gottes Stimme zu hören: Dann hilft das Beten zur Seligkeit./

Dann kann es zur Seligkeit helfen, den Zeitgeist zu entdecken. Sich nicht durch den Zeitgeist führen zu lassen. Er tut so, als seien seine Wege schön, hell und breit. Nichts sei leichter, als sie zu benutzen. Aber: Davon, dass auf einem Weg viele Menschen unterwegs sind, wird er noch lange nicht zu einem Weg, der an ein gutes Ende führt.

Darum geht durch die enge Pforte!, sagt Jesus. Es wird so sein, dass der Weg holperig und schmal ist. Es kann so sein, dass ihn nur wenige gehen. Aber wenn der Weg zu Gott führt, dann ist er richtig. Es kann helfen, den Irrtum des Zeitgeistes zu entdecken./

Es wird zur Seligkeit helfen, sich nicht daran zu beteiligen, andere zu verurteilen oder gar zu richten. Denn das zerstört Lebensglück. Das der Beurteilten und das eigene. Denn der Balken im eigenen Auge ist noch hinderlicher auf dem Weg zur Seligkeit als der Splitter im Auge des anderen./

Es wird zur Seligkeit helfen, sich zu entscheiden. Sich zu entscheiden, für wen oder was man leben will. Denn niemand kann für zwei Herren leben. Das wird ihn zerreißen und unglücklich machen./

Darum:
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Das ist ein guter Weg. Das wird helfen zur Seligkeit! Sucht euch zuerst einen Schatz im Himmel, dann werdet ihr das Lebensglück finden. Nichts, was wirklich wichtig ist, wird euch dann noch fehlen.

Noch vieles mehr gibt Jesus den Menschen in seiner Bergpredigt mit auf den Weg. Lest sie im Evangelium nach Matthäus ab Kapitel 5 zu Hause nach. Auch wenn ihr sie schon einmal gelesen habt. Denn manches hört man nicht so einfach beim Lesen. Manches vergisst man auch wieder. Oder verdrängt es.

Und am Schluss seiner Predigt sagt Jesus nach Matthäus 7, ab Vers 24:

24 »Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. 25 Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten und wenn der Sturm tobt und mit voller Wucht über das Haus hereinbricht, stürzt es nicht ein; es ist auf felsigen Grund gebaut.
26 Jeder aber, der meine Worte hört und nicht danach handelt, gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf sandigen Boden baut. 27 Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten und wenn der Sturm tobt und mit voller Wucht über das Haus hereinbricht, stürzt es ein und wird völlig zerstört.«

Die Ruhe des Berges Berg und die Dringlichkeit der Worte Jesu verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Menschen spüren, dass die Freiheit, die Gott dem Menschsein schenkt, nur dann zur Seligkeit hilft, wenn sie genutzt wird. Sonst ist sie vergeblich.

Jetzt ist den Menschen am Berg klar: All das, was Jesus bis hierher gesagt hat, ist keine Nebensache. Nichts, was man hört und gleich wieder vergessen könnte. Jetzt sind Entscheidungen gefragt.

Sicher: Manche Predigt kann man schnell wieder vergessen. So wie Artikel einer Tageszeitung, das ist heute nicht anders als es damals war. Und genau so sicher sind Worte nur Worte. Sie ändern nichts, rein für sich genommen.

Aber Taten allein machen das Leben auch nicht automatisch besser. Wenn viele herumwuseln und machen, was ihnen gerade mal angesagt erscheint.

Es ist lebenswichtig ist, sich zu entscheiden, welchen Weg man einschlagen will. Man hat eben nur dieses eine Leben, so zu sein, wie man es wirklich richtig findet. Und keiner von uns weiß, wie lange sein Leben dauern kann.

Es ging um nichts weniger als das Lebens-Fundament. Das Lebens-Haus, das man darauf stellt, kann einfach oder luxuriös sein. Aber wenn die Winde an den Wänden rütteln oder die Wasser das Haus zu unterspülen suchen – dann entscheidet sich am Fundament, ob das Haus stehen bleibt oder wie ein Kartenhaus zusammenfällt.

Weiter schreibt Matthäus:
28 Als Jesus seine Rede beendet hatte, war die Menge von seiner Lehre tief beeindruckt.
Luther übersetzt: Das Volk „entsetzte sich“ über Jesu Lehre. Andere: Es war sehr betroffen.

Wie auch immer: Niemanden ließ das kalt. Niemand will doch derjenige gewesen sein, der beim Bauen nicht auf das Fundament geachtet hätte. Denn wenn das Lebens-Haus zusammenstürzt: Das will niemand erleben müssen. Alle spüren: Hier geht es um etwas, was man unbedingt richtig anpacken sollte. Es geht um mich.

Meine Schwestern, meine Brüder:

In 12 Jahren werde ich, so Gott will, nach jetziger Lage der Dinge in Pension gehen. Im Sommer 1987 bin ich ins Vikariat gegangen, habe daran gemessen jetzt genau 30 Berufsjahre hinter mir. In jedem dieser Jahre habe ich in der Bergpredigt gelesen, sie lässt mich nicht los und ich bin mir darum sicher, dass das so bleibt.

Denn immer, wenn ich sie lese, spüre ich neu, dass sie mich wieder zurecht rückt. Dass ich, mal mehr, mal weniger, wieder in Gefahr bin, zu sagen: Eigentlich bin ich ganz anders. Nur komme ich so selten dazu.

Weil das Reich Gottes irgendwie aus meinem Blickfeld verschwunden ist.
Weil ich schwach geworden bin wie Sand, der zwischen meinen Fingern hindurchrieselt.
Weil ich mich um Dinge kümmere, von denen ich eigentlich schon einmal gewusst habe, dass sie als Fundament nicht taugen.
Habe ich das vergessen?

Dann nimmt Jesus mich wieder mit auf den Berg. Lässt mich hören, was er zu sagen hat. Ich MUSS mich nicht regieren lassen von Verhältnissen, politischen Mehrheiten oder „der Gesellschaft“, die wohl alles auf einmal meint.

Jesus erinnert mich daran, dass Gott mir das Recht einräumt, zu tun, was mein Leben selig macht. Das Leben für mich zu wählen, das ein solides Fundament hat. Nicht nur anders sein zu wollen, sondern anders zu sein. Den Menschen, der ich sein will, MUSS ich den Fernsehbildern des Alltages nicht opfern.

Ich brauche die Zeit, Jesus zuzuhören, und dann habe ich sie wieder: Die Zeit, zu werden, der ich sein will, denn Gott schenkt sie mir. Niemand kann sie mir streitig machen. Heute schon. Ich muss nicht länger warten und muss auch nicht hastig weiter suchen.

Und immer dann, wenn ich wieder schwach geworden bin, weiß ich, dass Jesus mich wieder mitnimmt auf den Berg. Und dass ich dort nicht allein bin, sondern viele Menschen treffe, die diese Zeit brauchen.

Zeit zum Hören und Zeit zum Tun. Die Zeit, Liebe zu leben. Freundlichkeit. Im Gespräch mit Gott zu sein. Notfalls gegen den Strom zu schwimmen. Zuallererst und vor allem nach Gottes Reich zu fragen und zu wissen: Genau das habe ich nötig. Mehr nicht. In den Jahren, die waren, und in den Jahren, die kommen.

Auf diesem Fundament kann ich bauen: Auf der Liebe Gottes, der Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Sie tragen jedes Lebenshaus. AMEN

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