Alles aus dem Nichts

Hört die Weissagung des Propheten Micha im 5. Kapitel,                                          die HEUTE AUCH PREDIGTTEXT IST:
Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. … Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und: er wird der Friede sein.

„Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda,…“- diese Worte des Propheten Micha haben vor fast 3000 Jahren sicher so geklungen, als würde ich mit Ihnen heute über Östmark reden. Wer weiß schon, wo dieses Dorf liegt? Na mitten in den Finnenwäldern Schwedens. Achso. Und wo bitte wachsen die?

Mit Bethlehem dürfte das genauso gewesen sein: Bethlehem. Wo liegt das denn?/ Hieß früher mal Efrata./ Achso. Und das liegt bitte wo?

Ohne den Propheten Micha würde das nicht nur bei uns kaum jemand wissen. Bethlehem wäre eine namenlose Kleinst-Stadt im zerrissenen Israel- Palästina. Zu Zeiten der Geburt Jesu lebten dort wahrscheinlich nicht einmal 1000 Menschen.

Ob es ohne Micha jemals den Stall in Bethlehem gegeben hätte?
Den Stall, in dem die Schwangere aus Nazareth Mutter wurde?
Die Krippe, um die wir uns heute nach 2014 Jahren noch immer versammeln?

Als Micha diese Verse schrieb, war an Weihnachten mit all seinen Verwicklungen überhaupt nicht zu denken, es ließ noch Jahrhunderte auf sich warten.

Die Israeliten hatten keine entspannte Festmeile, sondern angespannte politische Zeiten. Unrecht, Gewalt, Korruption. Der eigene König gefangen und misshandelt. Die Hauptstadt Jerusalem zerstört. Keine eigene Souveränität, auch keine Hoffnung darauf.

So hatten die Bilder, die Micha hier benutzt, für seine Hörer zuerst eine klar politische Dimension. Die Hoffnung auf politische Verhältnisse in Israel, die das Volk Gottes aus seiner Bedrängnis in eine lichte Zukunft führen mögen.

Aber sie waren schon damals viel mehr. Sie richteten ihren Blick nicht auf die RESIDENZSTADT der Davididen, sondern auf die HEIMATSTADT Davids. Beschreiben mehr als einen König. Beschreiben einen Herrn, „dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“.

Unter den Königen damals war niemand zu erwarten, der „herrlich sein“ würde, „soweit die Erde ist“, und der der personifizierte Friede wäre. Kein Mensch damals erwartete so göttliche Qualitäten wirklich ernsthaft von den politischen Größen seiner Zeit. Auch heute dürfte das nicht anders sein.

Bethlehem – das ist bei Micha also keine schlichte Ortsangabe. Es ist theologisches Programm. Aus dieser bedeutungslosen KLEINST- Stadt wird die Rettung eines Volkes kommen, ja: Er wird herrlich werden, „so weit die Erde ist“. Hier wird Gott wie aus dem Nichts eingreifen und neu Geschichte schreiben.

So ist es wenig überraschend, dass christliche Augen seit Weihnachten diese Micha- Vision als messianische Weissagung auf die Geburt Jesu Christi beziehen.

Schon der Evangelist Matthäus sieht es so: Als die Weisen zu Herodes kommen, um den Geburtsort des neuen Königs zu erfragen, verweisen die Ratgeber des Palastes eben auf diese Bibelstelle Micha 5, und damit auf Bethlehem. Und genau dorthin schickt Herodes dann die Gelehrten aus dem Osten, aus denen die Tradition irgendwann die drei Könige macht.

Und Lukas erwähnt Micha zwar nicht, aber die Bilder des Micha werden zu Bildern der berühmten Weihnachtsgeschichte nach Lukas:

Die Krippe steht in einem Stall in Bethlehem, Maria ist die, die dort gebären wird, und der große Hirte Jesus bekommt Besuch von den vielen kleinen Hirten, die genauso unscheinbar am Rande der Gesellschaft leben wie Bethlehem im Schatten der Heiligen Stadt Jerusalem liegt.

Beide Evangelisten sind fest in jüdischer Tradition verwurzelt, für beide Evangelisten ist die Geburt des Kindes die Erfüllung der Micha- Weissagung:

Gott greift ein, aus Bethlehem, dem unscheinbaren Nichts. Ohne wirtschaftliche, politische oder militärische Lobby. Er handelt aus einem Futtertrog.

Gott schreibt Gerechtigkeits- Geschichte. Nicht als Herrscher einer Weltmacht, nicht als Richter eines internationalen Tribunals, nicht mit Mitteln von Polizei oder Militär.

Sondern als einer, der Menschen am Rande der Gesellschaft sagt, wonach sie sich sehnen: Fürchtet euch nicht mehr, denn das Heil ist Euch geboren! Als einer, der Menschen nachgeht, aufrichtet, heilt. Der sie eine Liebe erfahren lässt, deren Größe sie nie vergessen werden: Die Leib und Seele weidet, die Sicherheit bietet ohne Grenzen, selbst durch den Tod hindurch.

All das kommt aus Bethlehem in die Welt. All das kommt zur Weihnacht.

Meine Schwestern, meine Brüder:

Die Vision einer wirklich gerechten Herrschaft teilen wir mit den meisten Menschen auf der Welt. Dass die Unfähigkeit vieler Menschen, sich liebevoll in Augen zu blicken und nicht herrschsüchtig, rechthaberisch oder arrogant,/ sich wandeln ließe in echten Frieden – diese Hoffnung eint Reiche und Arme, Schwarze und Weiße, Junge und Alte, Gesunde und Kranke.

Wir Christen können heute Gottes Antwort auf die große gemeinsame Hoffnung der Menschen aller Zeiten im Stall zu Bethlehem mit eigenen Augen sehen. Gott vergisst die Geschundenen und Enttäuschten nicht. Er kommt zu ihnen, das Kind in der Krippe erreicht ihre Herzen und geht mit ihnen, wohin sie das Leben auch treibt, sogar bis ans Kreutz.

Das lasst uns jetzt feiern. Alle Jahre wieder uns darauf besinnen,
wo die Wurzeln wahrer Liebe sind: Im Stall zu Bethlehem.

Und dann lasst es uns leben. Denn einzig die Liebe lässt in dieser Welt Gerechtigkeit wachsen. Sie schafft wahren Reichtum, der nur aus dem Teilen wachsen kann.

Sie empfängt Flüchtlinge nicht nur mit offenen Armen, sondern mit offenem Herzen. Gerade die Reformierten, die als Glaubensflüchtlinge in unser Brandenburg kamen, wissen: Offene Arme und Herzen haben Großes bewirkt, denn sie haben das Leben wieder lebenswert gemacht.

Maria und Joseph erfuhren dies in Ägypten, unsere Vorfahren erlebten dies hier in Brandenburg, und gerade heute sollten alle diesen Ort finden, an dem sie Liebe finden können. Wo Alles aus dem Nichts kommen kann.

Weihnachten- das ist dieser Ort, an dem die Liebe Gottes,
die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
diese Welt verändert,
weil sie uns verändert.
Amen.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.